Denkraum Mensch

Wir sind Bürgermeister!

Wie wird unsere Stadt autofrei? Welche Ideen machen unser Viertel lebenswerter? Was können wir tun, um Ressourcen in der Stadt gerechter zu verteilen? Vielerorts beginnen Bürger*innen zusammen mit der Verwaltung die Zukunft ihrer Stadt zu gestalten.

Weltweit wohnt mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Städten, in Deutschland sind es sogar drei von vier Menschen. Und bis zum Jahr 2050 werden über 70 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben.[1]Doch wie sieht das urbane Leben von morgen aus? Und wer bestimmt eigentlich darüber? Wie es Stadtverwaltungen gelingen kann, Hand in Hand mit den Bewohner*innen Zukunftspläne zu schmieden und das Stadtbudget zu verteilen, zeigen wir am Beispiel von Städten in Deutschland, Südkorea und Brasilien.

1.) Dresden: die Stadt als Zukunftslabor

Eine autofreie Woche einrichten und freiwerdende Parkplätze umgestalten, aussortierte Lebensmittel zu leckeren Menüs verarbeiten oder Reste wie Pappe oder Holz an Schulen und Kindertagesstätten weitergeben: Durch die Initiative Zukunftsstadt Dresden sind schon viele Ideen und konkrete Projekte entstanden, die die Stadt nachhaltiger und lebenswerter machen sollen.

Bereits seit 2015 beteiligen sich Dresdener*innen an der Initiative, die Teil der Innovationsplattform Zukunftsstadt ist, und vom Bundesministerium für Forschung und Bildung ins Leben gerufen wurde. Für die Umsetzung steht ein Budget von über einer Millionen Euro zur Verfügung.

Ob es mithilfe der Projekte gelingen kann, die Elbmetropole in eine nachhaltige Zukunftsstadt zu verwandeln, wird ab 2019 anhand von acht ausgewählten Projekten geprüft. Die sächsische Stadt wird dann zum Testlabor: Forscher*innen vom Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR) und der Technischen Universität Dresden (TUD) untersuchen hier in der Praxis, wie Bürger*innen, Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft am besten zusammenarbeiten sollten, damit sich Städte nachhaltig entwickeln können.

Probleme „von unten“ angehen

"Eine nachhaltige Stadtentwicklung kann nicht an den Einwohner*innen vorbei und von oben herab geplant werden. Deren berufliches, soziales und lokales Expertenwissen ist essentiell, um diverse Interessen abzubilden und langfristig in der Stadtgesellschaft zu verankern."

Rico Schwibs, seit 2019 Projektleiter der „Zukunftsstadt Dresden“

Dabei seien zum einen die Reaktivierung und Stärkung von Nachbarschaften zu beobachten, die ein tolerantes und dynamisches Miteinander fördern. Die Stadt zu verbessern und den klimatischen Veränderungen anzupassen sei ein weiteres weitverbreitetes Anliegen der Bürger*innen, so Schwibs.

Mit dem Projekt "Zukunftsstadt Dresden" legen Stadtverwaltung und Politik die Umsetzung von Nachhaltigkeitskonzepten in die Hände der Dresdener*innen. Und unterstützen die daraus entstehenden Bürger*innenprojekte strukturell sowie finanziell.

2.) Seoul: Mitbestimmung für alle

Rund zehn Millionen Menschen leben in Seoul,[1]jahrelang galt die Metropole als ein Moloch aus Autos und Abgasen. Mehr Grün und weniger Verkehr forderten deshalb Städteplaner*innen. Der Ausbau von Bus und Metro bewirkte, dass mittlweile viele Menschen auf den öffentlichen Nahverkehr umgestiegen sind.[2] Längst sind aber nicht alle Probleme der Millionenstadt gelöst. Um für mehr Lebensqualität in Seoul zu sorgen, werden deshalb die Bürger*innen von der Stadtverwaltung befragt. Denn schließlich wissen sie am besten, was vor Ort gebraucht wird.

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Um die Lebensqualität in Seoul zu steigern, will die die Stadtverwaltung von den Bürger*innen wissen, was konkret vor Ort gebraucht wird. Fotocredit: pixabay

In der Citizens‘ Hall finden sie Gehör. Im Bürgersaal, der sich im Untergeschoss des Rathauses befindet, können die Besucher*innen nicht nur Ausstellungen ansehen oder Konzerte und Vorträge hören: Hier kommen die Bürger*innen zusammen, um über die Zukunft ihrer Stadt zu diskutieren, zu argumentieren und abzustimmen. Es wird beispielsweise gefordert, mehr junge Unternehmen zu fördern, einen Nachtmarkt in der Stadt rund um die Uhr zu öffnen oder die sanitären Anlagen in den Schulen zu verbessern. Mehrere Vorschläge wurden dabei bereits aufgenommen und umgesetzt. Außerhalb der Ruhetage besuchen mehr als 5 000 Menschen pro Tag dieCitizens' Hall.

„In Seoul sind die Bürger der Bürgermeister“

Dass die Bürger*innen in Seoul zu Stadtpolitiker*innen geworden sind, ist nicht zuletzt Park Won-Soon zu verdanken. Der langjährige Rechtsanwalt und Menschenrechtsaktivist wurde 2011 zum Bürgermeister der Stadt gewählt. Er treibt seitdem Ideen für mehr Partizipation voran. So startete die Verwaltung auch ein Vor-Ort-Büro: Park Won-Soon besucht dabei regelmäßig benachteiligte Viertel, um die Stimmen der Bewohner*innen vor Ort zu hören und Lösungen für ihre Probleme zu finden. Er sagt: „In Seoul sind die Bürger der Bürgermeister.“[4] Seine Politik kommt gut an. 2018 wurde er zum dritten Mal ins Amt gewählt.