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Ein Holz-abbauender Pilz kann häufig auf alten oder abgestorbenen Bäumen gefunden werden. Der Baum wird über mehrere Jahre immer morscher, bis er schließlich gefällt werden muss. Foto: Art Laboratory Berlin

Wissen aus dem Wald

Mind the fungi

Pilze scheiden die Geister. Entweder man liebt sie, oder man mag sie nicht. Dabei sind sie viel seltsamer, als wir vielleicht denken. Von den meisten Menschen als Gemüse verortet und fix in die Pfanne gehauen – oder vielleicht als Schimmelpilz auf dem vergessenen Käsekanten entsorgt – sind Pilze, Flechten und Co. deutlich vielseitiger, vielfältiger und fremder als sich die meisten von uns vorstellen können. Und viel, viel nützlicher, wenn man nur ein bisschen querdenkt.

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Ein Holz-abbauender Pilz kann häufig auf alten oder abgestorbenen Bäumen gefunden werden. Der Baum wird über mehrere Jahre immer morscher, bis er schließlich gefällt werden muss. Foto: Art Laboratory Berlin

Geheimnisvolle Alleskönner

Ein paar Fakten gefällig? Pilze sind genau genommen weder Tiere noch Pflanzen, sondern bilden ein ganz eigenes Königreich im Stammbaum des Lebens. Vom Pfifferling zur Baumflechte bis zur Backhefe sind bisher etwa 120.000 Pilzarten bekannt. Doch das ist nur ein kleiner Teil der existierenden Arten. Experten gehen von bis zu sechs Millionen unterschiedlichen Pilzen aus.

Was bei uns auf dem Teller landet, ist nur die ‚Frucht’ eines großen Geflechts, das in der Erde wichtige Zersetzungsarbeit leistet. Denn anders als Pflanzen betreiben Pilze keine Fotosynthese. Sie beziehen ihre Nahrung aus toten oder lebenden Organismen. Pilze sind potenziell unsterblich und weit verbreitet: In natürlichen Wäldern finden sich auf einem Quadratmeter Boden gut eine Milliarde Pilz-Myzelien (Gewebe) und -Sporen.

Echte Nützlinge

„Pilze spielen in der Natur eine wichtige Rolle. Die meisten Bäume und Pflanzen gehen eine wechselseitige Beziehung (Symbiose) mit Pilzen ein, um zu überleben“, erklären Christian de Lutz und Regine Rapp vom Art Laboratory Berlin. Gleichzeitig interessieren sich die beiden Kuratoren für die faszinierenden, vielseitigen Eigenschaften von Pilzen, die unsere Industrie deutlich nachhaltiger machen könnten. „Wir alle kennen die Probleme, die Kunststoffe in der Umwelt verursachen. Schon jetzt ersetzen biologisch abbaubare Pilzprodukte Styropor als Verpackungsmaterial. Andere Firmen entwickeln daraus Lederersatzprodukte, die als ‚veganes Leder’ bezeichnet werden.“

Von der Natur lernen lohnt sich: In der Biotechnologie produzieren Pilze als ‚Zellfabriken’ schon seit 100 Jahren Zitronensäure, Antibiotika, Cholesterinsenker, Insulin, Pigmente, Vitamine und vieles mehr, was uns den Alltag erleichtert und unsere Überlebenschancen bei einer schwerwiegenden bakteriellen Infektionserkrankung enorm verbessert hat, sagt die Pilzbiotechnologin Prof. Vera Meyer von der TU Berlin.

Pilze haben aber nicht nur Benefits. Sie können auch Krankheitserreger für Menschen, Tiere und Nutzpflanzen sein. Ein Beispiel dafür ist die Große Hungersnot in Irland aufgrund der Phytophthora infestans – auch wenn die Oomyzeten heute nicht mehr als echte Pilze gelten. Es gibt viele andere Beispiele, aber dieses hatte extreme Folgen, da die Bevölkerung Irlands noch immer nicht das Niveau wie vor der Hungersnot erreicht hat.

Mind the Fungi – ganz nah dran

Bei der Erforschung dieser faszinierenden Nützlinge wird sogenannte Citizen Science immer wichtiger. Gern auch mit spielerisch-künstlerischem Ansatz, wie das kollaborative Forschungsprojekt Mind the Fungi mit dem dem Institut für Biotechnologie der TU Berlin (Prof. Vera Meyer & Prof. Peter Neubauer) und dem Art Laboratory Berlin (Regine Rapp & Christian de Lutz) wunderbar praxisnah beweist. In Talks, Workshops, Laborbesuchen und Ausstellungen kann jede*r hier unmittelbar erleben, wie vielseitig Pilze sind.

Den Fokus hat Frau Prof. Vera Meyer bewusst etwas enger gesteckt. „Pilztechnologie ist ein ziemlich großes Feld. Wir konzentrieren uns hier auf Baumpilze, die starke Materialien erzeugen können. In den Laboren der TU Berlin wird das Myzel gezüchtet und auf seine Materialeigenschaften untersucht. Dabei arbeiten Wissenschaftler*innen mit Designer*innen zusammen, um neue Verwendungsmöglichkeiten für dieses Material zu entwickeln.“

Ab die Post

Damit es für die Teilnehmer*innen nicht bei trockener Theorie bleibt, entführt die BioArt- und Medienkünstlerin Theresa Schubert interessierte Bürger*innen ins Berliner und Brandenburger Umland, um den Wald mit neuen Augen zu entdecken. Gemeinsam werden Baumpilz- und Flechtenproben gesammelt und fachgerecht konserviert. In den Laboren des Instituts für Biotechnologie der TU Berlin lernen die Interessenten dann mit den Wissenschaftlern Bertram Schmidt und Carsten Pohl direkt, wie Proben in Petrischalen für die Kultivierung angelegt werden. Aus den so gewachsenen Biomaterialien lassen sich die unterschiedlichsten Sachen fertigen – Myzel-Backsteine, Möbel und sogar veganes Leder.

Als echten Praxistest wollen die Teilnehmer*innen ein myzel-verpacktes Päckchen verschicken, um die Alltagstauglichkeit des Materials zu testen. „Ehrlich gesagt sind wir von den Teilnehmer*innen unserer öffentlichen Projekte wirklich begeistert“, freut sich de Lutz. „Die Kreativität des Pilzkultivierungskurses hat die Wissenschaftler*innen selbst überrascht: Citizen Science in Aktion!“

Mehr Kreativität im Labor

Der Grundgedanke bleibt dabei immer, naturwissenschaftliche Forschung durch Kunst- und Designimpulse zu bereichern. „Wir haben immer die Kraft der Kunst gesehen, Gegenwart und Zukunft einzubeziehen, besonders wenn es um die Entwicklung neuer Formate geht.“ sagt Regine Rapp.

Ein Holz abbauender Pilz kann häufig auf alten oder abgestorbenen Bäumen gefunden werden. Der Baum wird über mehrere Jahre immer morscher, bis er schließlich gefällt werden muss.

Fomes fomentarius Zunderschwamm Foto Carsten Pohl2019

Foto: Carsten Pohl

Künstler*innen denken anders und wenden andere Verfahren als Wissenschaftler*innen an, aber wenn sie auf Wissen stoßen und sich austauschen, profitieren alle davon. Bei Citizen Science geht es darum, dass auch die Öffentlichkeit an diesem Wissensaustausch teilnimmt und sich für die Welt um uns, unsere Umwelt und die Zukunft begeistert.“ Neben Theresa Schubert spekuliert Fara Peluso für Mind the Fungi an der Schnittstelle von Design, Kunst und Wissenschaft darüber, wie wir bewusster mit den ökologischen Systemen um uns herum handeln können. Ihr Ausgangspunkt: Algen und Biomaterialien.

Forschung zum Anfassen

Im Futurium zeigt das Projekt Mind the Fungi den gesamten Prozess vom Sammeln des Baumpilzes über die Isolierung und Kultivierung im Labor bis hin zu neuen Produkten aus Pilzen. Vor Ort können Besucher*innen unter anderem das lederartige Material, aus dem Designerin Nina Fabert ihre Artikel herstellt, selbst testen und anfassen. Auch federleichte Konstruktionsfliesen aus Ecovative für die sich bereits Firmen wie Dell oder Ikea interessieren, sind aus nächster Nähe zu sehen.

Dass Mind the Fungi damit goldrichtig liegen, denken übrigens auch die Wissenschaftler*innen des renommierten Smithsonian Museums. Sie halten die genügsamen Pilze für das Material der Zukunft, das zukünftig sogar Plastik oder Baumaterialien ersetzen könnte. Natürlich biologisch abbaubar

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Aus den in Petrischalen gewachsenen Biomaterialien lassen sich die unterschiedlichsten Sachen fertigen – Myzel-Backsteine, Möbel und sogar veganes Leder.

Foto: Art Labortatory Berlin