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Foto: Stefanie Holzheu

Architektur mit Pilzen

NEU! MY-CO BUILD

Eine Stadt aus Pilzen? Wolkenkratzer gebaut aus Champignons, der Bahnhof besteht aus Pfifferlingen und für die Wände des Rathauses haben Austernseitlinge ihr Bestes gegeben – was wie eine Szene aus dem Schlaraffenland klingt, kann mit dem Projekt MY-CO BUILD nahezu Wirklichkeit werden. Der Architekt Sven Pfeiffer sowie die Biotechnologin und Künstlerin Vera Meyer lernten sich im Futurium Lab kennen und setzen sich nun gemeinsam mit dem Erschaffen von Orten und Räumen mittels Pilzen auseinander.

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Foto: Stefanie Holzheu

Ein unterschätztes Lebewesen

Wer bei Pilzen vor allem an ein Nahrungsmittel denkt, unterschätzt ihre Fähigkeiten. Denn Pilze sind ganz besondere Lebewesen. Unter anderem verfügen sie über einen Körper, der aus lauter kleinen einzelnen Fäden besteht, die alle zusammen ein sogenanntes Myzel bilden. Je nach Pilzart kann dieses Myzel auf den unterschiedlichsten Materialien leben, sich dort ausbreiten und wachsen – vom Erdboden bis zum Kaffeesatz.

Um dort leben zu können, lösen Pilze Nährstoffe mit Hilfe von Enzymen aus ihrer Umgebung auf und nehmen diese zu sich. Ähnlich wie Tiere müssen sich Pilze also auch ernähren – nur eben in etwas anderer Form. Pilze können daher an den unterschiedlichsten Orten einfach, unkompliziert und eigenständig wachsen.

Nachhaltiges Bauen mit Pilzen

Pilze wachsen nicht nur ganz leicht und unkompliziert, sondern die einfach wachsende Fadenstruktur eignet sich auch hervorragend als Baumaterial. Myzel kann als Basis für Verbundwerkstoffe eingesetzt werden, die als Isolierung für Thermik, Akustik oder Brandschutzeigenschaften dient. So lassen sich mit Pilzen etwa schallisolierte Fliesen herstellen.

Zukünftig könnten Pilze sogar eine Alternative zu konventionellen Baumaterialien sein, wie etwa dem klimaschädlichen Zement. Denn die Produktion etablierter Baumaterialien ist in hohem Maße von der Gewinnung nicht erneuerbarer Ressourcen abhängig und wirft verschiedene Umweltprobleme auf, wie zum Beispiel die Erzeugung von Treibhausgasen und Abfall.

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Myzel.

Foto: Pexels / Landon Parenteau

Die stetig wachsende Bevölkerung und der damit verbundene Bedarf an mehr Bautätigkeiten stellt zum einen fast unüberwindbare Herausforderungen für die Architektur und die Industrie insgesamt dar, vor allem aber einen enormen CO2-Ausstoß. Die Baubranche ist eine der größten Klimakiller der Welt. Nachhaltig wachsende Materialien wie Pilze könnten deshalb eine vielversprechende Alternative für das Bauwesen sein. Denn Verbundstoffe aus Pilzen könnten in naher Zukunft sowohl klimafreundlich als auch kostengünstig produziert werden. Zudem kann Pilzmyzel nach dem Lebensende eines Baustoffes einfach getrennt und vollständig kompostiert werden. So könnte durch den Einsatz von Pilzen ein leichtgewichtiges und vollständig zirkuläres Bausystem entstehen.

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Produzenten: Filming Science | Oliver Päßler & Robert Quante

Das Futurium Lab

Im Futurium Lab werden Pilze ins Zentrum der Debatte sowohl über zukünftige Bau- als auch Lebensweisen des Menschen gesetzt. Sven Pfeiffer und Vera Meyer gründeten gemeinsam das SciArt Kollektiv MY-CO-X, um sich wissenschaftlich und künstlerisch mit der Frage auseinander zu setzen, welche Bedeutung Pilze für die Erschaffung von Orten und Räumen haben können. Beide waren zuvor mit ihren eigenen Projekten zu Gast im Futurium Lab und lernten sich dort kennen. Der Architekt Sven Pfeiffer (Studio Sven Pfeiffer / Hochschule Bochum, Fachgebiet Digitales Entwerfen, Planen und Bauen) druckt mit seinem Projekt „Printed Tower“ mit einem umgebauten Roboterarm Architektur aus keramischen Materialien.

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Printed Tower.

Foto: David von Becker

Die Biotechnologin und Künstlerin Vera Meyer aka V. meer (Technische Universität Berlin, Fachgebiet Angewandte und Molekulare Mikrobiologie) zeigte mit dem Citizen Science Projekt „Mind The Fungi“ wie unterschiedlich Pilze für eine Bioökonomie und Kreislaufwirtschaft genutzt werden können. Darauf aufbauend, entwickeln beide nun mit einem Team von Pilzbiotechnolog*innen, Architekt*innen und Künstler*innen neue Ideen für eine zukünftige pilzbasierte Bauwirtschaft.

MY-CO BUILD

Das Projekt MY-CO BUILD fügt unterschiedliche konventionell und additiv gefertigte Bauteile durch Pilzmaterialien zusammen, die dadurch ihre Funktion und ihre Leistungsfähigkeit verändern. So entstehen neue Möglichkeiten, die über eine evolutive Herangehensweise eine Transformation hin zu einer zukünftig nachhaltigen Baukultur ermöglichen könnten. Verschiedene Exponate machen für Besucher*innen die Welt der Pilze sowie die daraus entwickelten Pilzwerkstoffe erfahrbar.

Für alle Elemente wird der Zunderschwamm (lat. Fomes fomentarius) aus der Berlin-Brandenburger Region verwendet. Während seines Wachstums auf verschiedenen Reststoffen aus der Agrar- oder Forstwirtschaft, wie Stroh, Schäben und Holzspänen, bildet sich ein Pilzmyzel aus – ein Geflecht aus sich permanent verzweigenden Zellfäden. Dieses dreidimensionale Pilznetzwerk verdichtet das Pflanzenmaterial zu einem festen Verbundwerkstoff, der verschiedene Dichten und damit Eigenschaften haben kann.

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Zunderschwamm.

Foto: Gabsweiher Fomes


Das Pilzmyzel bildet somit einen biologischen Mörtel. Durch sein Wachstum hinein in Beton, Zement oder Holz, kann darüber hinaus der Pilz-Pflanzen-Verbundwerkstoff mit einem dritten Material fest verbunden werden – das Pilzmyzel bildet somit einen biologischen Klebstoff. An den verschiedenen Exponaten werden so für Besucher*innen die Möglichkeiten der modernen Pilzbiotechnologie sowie der digitalen Bauprozesse sinnlich spürbar und die neuartige Qualität von pilzbasierter Architektur erfahrbar.


CREDITS

MY-CO Build ist ein Projekt des SciArt Kollektiv MY-CO-X. Weitere beteiligte Personen sind Christian Schmidts, Digitales und Experimentelles Entwerfen, Universität der Künste Berlin sowie MYX acoustic by Jonas Edvard & Jan Wurm, Arup Berlin gefördert durch die Fritz und Trude Fortmann-Stiftung. Die Fritz und Trude Fortmann-Stiftung für Baukultur und Materialien befasst sich mit dem Verhältnis von Baukultur und den Bedingungen ihrer Materialisierung. Sie fördert die Entwicklung zukunftsfähiger Baustoffe und Konstruktionsweisen sowie Forschungen zu den ökologischen, funktionalen und atmosphärischen Eigenschaften von Materialien.