Michael Braungart 37 MB

Prof. Dr. Michael Braungart ist Professor an der Erasmus-Universität Rotterdam und Gründer, wie auch wissenschaftlicher Geschäftsführer von EPEA in Hamburg.

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5 Fragen an Professor Michael Braungart

"Langlebigkeit ist ein Alptraum"

Materialien sollen so lange wie möglich genutzt, geteilt, geleast, wiederverwendet, repariert, aufgearbeitet und recycelt werden. Das ist einer der Grundsätze der sogenannten Kreislaufwirtschaft oder Circular Economy, die auch von der Europäischen Union gefördert wird. Es gibt jedoch auch Kritiker dieses Modells. Wir stellen die Meinung von Michael Braungart vor, Professor an der Erasmus-Universität Rotterdam, Geschäftsführer der Environmental Protection Encouragement Agency Internationale Umweltforschung GmbH in Hamburg (EPEA) und wissenschaftlicher Leiter des Hamburger Umweltinstituts.

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Prof. Dr. Michael Braungart ist Professor an der Erasmus-Universität Rotterdam und Gründer, wie auch wissenschaftlicher Geschäftsführer von EPEA in Hamburg.

Die EU hat 2019 ein Maßnahmenpaket verabschiedet, um die Circular Economy in Europa zu fördern. Wo stehen wir in Deutschland heute in puncto Kreislaufwirtschaft?

Michael Braungart: Die Circular Economy ist auf halbem Weg stecken geblieben, es gibt überhaupt keine zirkulären Kreisläufe. Man hat bisher nur zusätzliche Kosten für die Wirtschaft produziert – und Dinge als Umweltschutz verkauft, die kein Umweltschutz sind. Die Menschen sollen für dumm verkauft werden. Wir geben es als Kreislaufwirtschaft aus, wenn wir aus alten Autos Baustahl machen, in Wirklichkeit gehen dabei wertvolle Stoffe wie Chrom, Nickel oder Wolfram verloren. Wir geben es als Recycling aus, wenn nur neun von 41 Elementen, die in einem Mobiltelefon stecken, zurückgewonnen werden. Ein anderes Beispiel ist Altpapier: Steckten vor 30 Jahren noch 90 Giftstoffe in einem Ikea-Katalog, sind es heute 50. Wir packen dann den ganzen Dreck in Toilettenpapier, Pizzakartons oder machen daraus Gipskartonplatten für den Innenausbau, die unsere Räume vergiften und unsere Kinder krank machen. Auch der Ansatz, Dinge immer langlebiger zu machen, ist unsinnig.


Verbrauchen wir nicht weniger Ressourcen, wenn die Dinge eine längere Lebensdauer haben?

Braungart: Wir verbrauchen Dinge wie Waschmaschinen nicht. Wir nutzen sie nur. Autoreifen halten heute beispielsweise doppelt so lange wie früher, aber das verhindert nicht den Reifenabrieb und dass Mikroplastik in die Umwelt gelangt. Was ich damit sagen will: Wir machen das Falsche perfekt – und damit perfekt falsch. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen auf einem Schreibtischstuhl und dieser muss für die nächsten 5 000 Jahre wieder aus denselben Materialien hergestellt werden. Damit verhindern Sie Innovation.

Was können Wirtschaft und Politik besser machen?

Braungart: Es geht nicht darum, die Plastiktüte vielleicht zehn Prozent leichter zu machen oder zu sagen, fahr weniger mit dem Auto, spar Strom und Wasser. Ich mache dadurch die Umwelt nur ein bisschen weniger kaputt. Das wäre so, als würde ich sagen: Schütz Dein Kind, schlag es nur fünf Mal statt zehn Mal. Als erstes müssen wir deshalb fragen: Was ist das Richtige? Was wollen die Menschen haben? Druckerzeugnisse müssen beispielsweise komplett kompostierbar sein, dann lohnt sich Recycling. Die Luft im Gebäude muss besser sein als draußen, dann lohnt sich die Wärmedämmung. Heute haben aber 40 Prozent unserer Häuser Schimmel. Wir brauchen außerdem Geschäftsmodelle, die definierte Nutzungszeiten verkaufen.

Diese Modelle sind Teil des Konzepts Cradle to Cradle (dt. von der Wiege zur Wiege), das Sie entwickelt haben. Was bedeutet das?

Braungart: Alle Dinge, die kaputt gehen, wie Lebensmittel, Waschmittel oder Bremsbeläge müssen wir so produzieren, dass sie für die Biosphäre geeignet sind, zum Beispiel durch Kompostierbarkeit. Alle Güter, die man nur nutzt, wie beispielsweise Waschmaschinen oder Fernseher, werden so gestaltet, dass sie zurück in die Technosphäre gehen. Hersteller verkaufen zum Beispiel 3 000 Waschgänge und nicht das komplette Gerät. Dann können sie bei der Produktion auch die besten statt billigsten Kunststoffe einsetzen. Eine Waschmaschine, die 40 Jahre hält, ist dagegen ein Albtraum, weil ihre Bestandteile erstmal verloren sind.

Viele deutsche Hersteller werben mit Langlebigkeit als Qualitätsmerkmal…?

Braungart: Mit langlebigen Produkten ist unsere Industrie in der digitalen Welt nicht mehr konkurrenzfähig. Per 3-D-Druck werden neu entwickelte Dinge innerhalb kürzester Zeit billig kopiert. Wenn etwa Maschinenbauer nicht verstehen, dass niemand die Maschine selbst mehr braucht, sondern nur ihre Nutzung, dann wird dieser Bereich in Europa verschwinden – und zwar in ganz ganz kurzer Zeit.