Exhibit tehnotoxic

Ariel ist eine Figur der Installation TECHnotOXIC im Futurium Lab. Foto: Christian Fogarolli

Christian Fogarollis TECHnotOXIC im Futurium

Wenn Technologie toxisch wird

Was geschieht, wenn Technologie nicht mehr nur ein Werkzeug ist, sondern beginnt, unsere Aufmerksamkeit, unsere Gewohnheiten und sogar die Art und Weise zu prägen, wie wir uns selbst erleben? Mit TECHnotOXIC macht der italienische Künstler Christian Fogarolli aus dieser Frage eine begehbare Landschaft. Ab dem 11. September 2026 ist die Installation im Futurium in Berlin im Rahmen des neuen Themenschwerpunkts „On/Off-Beziehung. Wie wir unser Leben mit Technologie teilen werden“ zu sehen.

Exhibit tehnotoxic

Ariel ist eine Figur der Installation TECHnotOXIC im Futurium Lab. Foto: Christian Fogarolli

Artist Talk

Bei unserer Vernissage zum thematischen Schwerpunkt „ON/OFF Relationship“ kommt der Künstler Christian Fogarolli mit der Futurium-Ausstellungskuratorin Dr. Gabi Zipf und dem Publikum ins Gespräch. Dabei gibt er Einblicke in seine künstlerische Praxis und die Ideen hinter seiner Arbeit.

Das Gespräch beginnt um 19:45 Uhr in unserem Lab und dauert etwa 15 Minuten.

Auf den ersten Blick erinnert TECHnotOXIC an eine futuristische industrielle Infrastruktur. Kunststoffrohre, elektrische Kabel sowie Konstruktionen aus Glas und Plexiglas durchziehen den Ausstellungsraum und erinnern an Transformatoren, Isolatoren und Stromverteilungssysteme. Doch durch dieses Netzwerk fließt mehr als nur Elektrizität.

Es wird zur Metapher für jene unsichtbaren Systeme, die unser digitales Leben organisieren – Systeme, durch die Aufmerksamkeit, Zeit, Begehren, Erinnerungen, Emotionen und menschliches Verhalten unablässig strömen.

Eine Landschaft digitaler Abhängigkeiten

In dieses Netzwerk eingebettet sind zehn Skulpturen aus mundgeblasenem Glas, ausrangierten elektronischen Geräten, Archivfotografien, Silikon, Glasfasern, Metall und elektrischen Kabeln. Einige enthalten Heilpflanzen, die in säurehaltige, fluoreszierend gefärbte Flüssigkeiten getaucht sind. Die Verbindung organischer und technologischer Elemente erzeugt einen beunruhigenden Eindruck: als wären Natur, Maschinen und der menschliche Körper Teil eines einzigen, miteinander vernetzten Ökosystems geworden.

Die Werke tragen unter anderem Titel wie FOMO, Brain Rot, Vamping, Phubbing, Instagram Dysmorphia und Gaming. Diese vertrauten Begriffe aus unserem digitalen Wortschatz werden zu physischen Objekten – fast wie anatomische Präparate in einem Museum der Zukunft, das versucht, unsere Gegenwart zu verstehen.

Was würde ein Museum der Zukunft wohl aus unseren digitalen Gewohnheiten machen? Vielleicht würde es sie als Spuren eines Zeitalters betrachten, in dem permanente Vernetzung so selbstverständlich geworden war, dass wir unsere eigenen Abhängigkeiten kaum noch wahrnahmen.

Begleitet wird die Installation von Fogarollis Film TECHnotOXIC. Im Mittelpunkt steht Ariel, eine Figur ohne klar definierte Identität, deren ambivalente Präsenz einen weit verbreiteten Zustand unserer Gegenwart widerspiegelt. Ariel bewegt sich durch häusliche, natürliche und urbane Räume. Das widersprüchliche Verhalten der Figur verweist auf technologische Abhängigkeit, Isolation und eine veränderte Wahrnehmung.

Traumartige Visionen hypervernetzter Zukünfte und Szenarien der Fürsorge werden von einer einzigen Erzählstimme begleitet, die über Begehren, Abhängigkeit und intermittierende Reize reflektiert. Ohne Dialog verwandelt die immersive Klanglandschaft den Film in ein psychologisches Gegenstück zur Installation: Während der Film die innere Erfahrung technologischer Abhängigkeit erkundet, verleiht die Installation ihr eine physische Form.

Wenn Aufmerksamkeit zur Ressource wird

TECHnotOXIC ist keine einfache Kritik an Smartphones oder Technologie. Stattdessen richtet Fogarolli den Blick auf die wirtschaftlichen Systeme, die unser digitales Verhalten umgeben. Was wir anklicken, wie lange wir online bleiben, mit wem wir interagieren und was unsere Aufmerksamkeit fesselt – all das erzeugt Daten. In der Plattformökonomie können diese Spuren gesammelt, analysiert und genutzt werden, um Verhalten vorherzusagen.

Abhängigkeit kann daher mehr sein als nur eine unerwünschte Nebenwirkung von Technologie. Sie kann zugleich Geschäftsmodelle antreiben, die darauf ausgelegt sind, unsere Aufmerksamkeit möglichst lange zu binden. Fogarolli verschiebt damit die Frage von „Nutzen wir Technologie zu viel?“ hin zu einer grundsätzlicheren: „Wer profitiert davon, wie wir sie nutzen?“

Die Kabel und Leitungen der Installation stehen somit für mehr als technologische Infrastruktur. Sie verweisen auf ein unsichtbares Netzwerk, das Psychologie, Ökonomie, Technologie und Macht miteinander verbindet – ein Netzwerk, in dem menschliche Erfahrung selbst zu Daten und damit zu einem Wert werden kann.

Zwischen Kunst, Medizin und Technologie

Diese Perspektive spiegelt Fogarollis umfassendere künstlerische Praxis wider. Der 1983 in Trient geborene Künstler studierte Archäologie und Kunstgeschichte und entwickelte seine Arbeit durch Forschungen in Archiven, Museen, Krankenhäusern und wissenschaftlichen Institutionen weiter.

In seinen Installationen, Fotografien, Skulpturen und Videos untersucht er, wie Wissens- und Klassifikationssysteme unser Verständnis vom Menschen prägen – insbesondere unsere Vorstellungen von Normalität, Pathologie und Identität.

Für TECHnotOXIC erweitert Fogarolli diese Forschung auf das Feld der digitalen Abhängigkeit. Das in Zusammenarbeit mit der Vita-Salute San Raffaele Universität in Mailand entwickelte Projekt bringt zeitgenössische Kunst, Medizin, Psychologie und Philosophie zusammen. Es stützt sich auf Forschungsergebnisse und Erfahrungsberichte zu Phänomenen wie Smartphone-Sucht, sozialer Isolation, zwanghafter nächtlicher Nutzung, Cybermobbing und anderen Formen technologiebedingter Belastung.

Bereits der Titel enthält eine Warnung. TECHnotOXIC verbindet „TECH“ mit „not“ und „OXIC“ und spielt damit auf Sauerstoffmangel an. Fogarollis ungewöhnlicher Einsatz von Groß- und Kleinschreibung verweist auf das Gefühl, durch exzessive Technologienutzung der „Luft“ beraubt zu werden.

Die Zukunft ist bereits da

Im Futurium wird TECHnotOXIC Teil einer umfassenderen Auseinandersetzung mit der Frage, wie Technologie unser Leben prägt – von datengetriebenen Städten und künstlicher Intelligenz bis hin zu den Infrastrukturen hinter der digitalen Welt. Fogarolli fügt dieser Diskussion eine zutiefst menschliche Dimension hinzu. Seine Installation fragt nicht nur danach, was aus Technologie werden wird, sondern auch danach, was aus uns durch unsere Beziehung zu ihr wird.

Gemeinsam mit dem begleitenden Film erschafft die Installation eine Art Archäologie der Zukunft: eine Landschaft, in der die Ängste und Abhängigkeiten der digitalen Gegenwart wie Artefakte aus einer anderen Zeit erscheinen.

Vielleicht werden Begriffe wie FOMO, Phubbing oder Brain Rot eines Tages als Symptome eines bestimmten historischen Moments betrachtet. TECHnotOXIC lädt uns dazu ein, diesen Moment aus der Zukunft zu betrachten – während wir noch mitten in ihm leben.

Nicht: Technologie – ja oder nein?

Sondern: Welche Art von Beziehung wollen wir zu ihr haben?