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Foto: Projektteam Kling Klang Klong via Futurium / David R.

Kreativ mit KI

KI-Musik

Schon mal ein Orchester dirigiert? Oder mit einem Profi um die Wette improvisiert? Mit drei Stationen im Futurium Lab geben kling klang klong selbst musikalischen Laien eine clevere Starthilfe und lassen jeden von uns ganz einfach per Wink, Knopfdruck oder Klaviatur kreativ werden. Ihr Helfer und Star: Künstliche Intelligenz (KI).

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Foto: Projektteam Kling Klang Klong via Futurium / David R.

Wer nicht hören will, darf fühlen

Felipe Sanchez Luna von kling klang klong erklärt: „Wir nutzen Technologien wie KI nicht als Selbstzweck, sondern um ein bestimmtes emotionales Erlebnis zu schaffen. Dabei haben wir erst einmal viel experimentiert, um zu schauen, was überhaupt machbar ist.“ Der Sound-Designer, Künstler und Programmierer ist Fan von sogenanntem Rapid Prototyping.

Dabei beschäftigen sich die Entwickler nicht lange mit Planung und Theorie, sondern stürzen sich direkt in die Praxis: bauen, testen, ausprobieren. Erste Modelle der cleveren Instrumente hat das Team aus Pappe gebastelt. „Wir sind praxisorientierte Macher und haben erst einmal viel ausprobiert, was die gesamte Entwicklung beschleunigt. Und manchmal sogar Ergebnisse liefert, die wir so gar nicht erwartet hätten.“

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Photo: Futurium

Hier spielt die Musik

Die einfache Faustregel: Je leichter es wirkt, desto mehr steckt dahinter. Auch im Futurium soll eine maximal intuitive Bedienweise die Berührungsangst mit der Technik abbauen. Wer hier experimentieren will, braucht kein Computerwissen oder Technikverständnis, sondern kann direkt loslegen. Schöner Nebeneffekt – auch jahrelanger Geigenunterricht oder perfektes Gehör ist kein Muss. Die programmierte, mit Daten gefütterte KI nimmt uns die Übung und Umsetzung einfach ab.

Ähnlich funktioniert z. B. die Autotune-Software, die mittlerweile dafür sorgt, dass fast jede*r Chartkünstler*in auch mit wackeliger Stimme immer den richtigen, glattgebügelten Ton trifft.

Dirigieren, komponieren, improvisieren

Im Futurium können Besucher*innen den Klang einer Band mit ausladenden Gesten ‚dirigieren’. Per Handzeig beeinflussen sie Klangfülle, Intensität und Effekte der Musik. Besonders clever: Dies trainiert gleichzeitig die KI. Mit jedem*r Besucher*in lernt sie dazu. Wer lieber komponiert, kann an der nächsten Station musikalische „Bausteine“ neu zusammensetzen und mit Dreh- und Druckreglern Länge und Stil bestimmen. Auf Knopfdruck generiert die KI daraus einen ganzen Song.

Beim Improvisieren wird das Prinzip der kreativen Mensch-Maschine-Interaktion dann besonders deutlich. Der Musikwissenschaftler Fernando Knof erklärt: „Wir haben diese KI erst einmal mit riesigen Datenmengen professioneller Klavierspieler gefüttert, damit sie überhaupt versteht, wie Menschen improvisieren.“ Sobald man die kleine Klaviatur anspielt, startet quasi ein Duett. Das neuronale Netz der Station analysiert die Tonfolge – und antwortet mit einer Variation auf allen 88 Klaviertasten. Das Beste: Besucher*innen können sich ihre spontanen Meisterwerke direkt per Downloadcode ausgeben lassen.

Komplexität hinter den Kulissen

„Wir wollten, dass wirklich jeder wie ein echter Orchesterdirigent den Takt angeben kann. Oder wie ein professioneller Pianist spielen bzw. radiotaugliche Musik komponieren. Dafür haben wir uns besonders einfache, intuitive Benutzeroberflächen und Bedienelemente ausgedacht“, ergänzt Sanchez Luna. „Doch die eigentliche Entwicklung dahinter war sehr komplex. Ich selbst war bei diesem Projekt Creative Director und Programmierer, aber wir haben uns viele unterschiedliche Experten aus diversen Disziplinen mit ins Boot geholt. Design, User Experience, Programmierung, Visualisierung und Komposition, die dann alle gemeinsam nach der besten Lösung gesucht haben.“

Ausgang offen

Werden wir nun also zu bequemen ‚Knöpfchendrückern’, die sich mit Kultur aus dem KI-Labor berieseln lassen? Fernando und Felipe sehen der Zukunft entspannt entgegen.

„Ich habe sicher keine Angst, dass die künstliche Intelligenz mir meinen Job wegnehmen könnte“, lacht Fernando. „Ehrlich gesagt ist beim Musikmachen immer noch ein Großteil der Arbeit reines Handwerk. Jede Idee muss noch ausgearbeitet und umgesetzt werden. Und manchmal möchte man halt nicht jedes Instrument selbst einspielen. In anderen Worten – der Mensch bleibt kreativ, die Künstliche Intelligenz führt diese Ideen eigentlich nur aus.“ Sein Partner ergänzt: „Mich persönlich reizt besonders, dass mir dieser Prozess hilft, ganz neue Wege zu gehen, neue Musik zu verstehen und neue Zusammenhänge zu sehen. KI kann Musik interessanter, vielfältiger und facettenreicher machen. Da wird ein ganz neues Instrument geschaffen.“

Technologie in Kinderschuhen

Was passiert also, wenn man Künstlicher Intelligenz in der Kunst freien Lauf lässt? Einen schönen Vorgeschmack gibt Spawn, der ‚Nachwuchs’ der Avantgardemusiker Holly Herndon und Mat Dryhurst. Als dauerhafte Mitbewohnerin entwickelt sich diese KI im Laufe der Zeit immer weiter und findet dabei ihre eigene, eigenwillige Stimme. „Irgendwann hat sie plötzlich gebeatboxed wie Timbaland“, freut sich Holly. „Und das hat sie garantiert nicht von mir. Kinder machen halt die seltsamsten Sachen …“