Futurium David von Becker VB 9830

David von Becker

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Gastbeitrag der kognitiven Psychologin Nadine Schlichting, Forscherin zur subjektiven Wahrnehmung von Dauern an der Universität Groningen

Wie nehmen wir Zeit wahr?

Für die Wahrnehmung von Licht, Temperatur, und Klängen haben wir eigene Sinnesorgane: lichtempfindliche Rezeptoren in der Retina unserer Augen, temperaturempfindliche Rezeptoren in unserer Haut, und schwingungsempfindliche Rezeptoren in unseren Ohren. Für Zeit gibt es kein fest zugeordnetes Sinnesorgan. Trotzdem haben wir ein Gefühl für Zeit, und das auf unterschiedlichen Skalen von Jahren zu Millisekunden.

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Für einige Abschnitte auf dieser Skala gibt es eigene Forschungsbereiche: Chronobiologie, die Wahrnehmung von Rhythmen, die Wahrnehmung von langen und von kurzen Dauern. Mit kurzen Dauern sind Dauern zwischen ein paar hundert Millisekunden und ein paar Sekunden gemeint, also alles was sich noch wie “in diesem Moment“ oder höchstens "gerade eben“ anfühlt.

Dass wir diese Art von Zeitwahrnehmung haben, wird uns meistens erst bewusst, wenn etwas ungewöhnlich lange oder kurz dauert: Lädt die Website ein bisschen länger als sonst, vermuten wir schnell, dass etwas mit dem Internet nicht stimmt. Eine ähnliche Situation: Irgendwas stimmt mit der Karte nicht, schießt es uns durch den Kopf, wenn das EC-Kartengerät ungewöhnlich lange braucht, bevor die Transaktion bestätigt wird. Diese Beispiele zeigen, dass wir unterbewusst einen Überblick über den zeitlichen Ablauf von Ereignissen behalten (Wie lange lädt die Website jetzt schon?) und auch ein Gedächtnis für Dauern besitzen (Wie lange lädt die Website normalerweise?).

Zeitwahrnehmung im Experiment

Um herauszufinden, wie wir solche kurzen Dauern wahrnehmen, werden Versuchsteilnehmer*innen gefragt, die Dauer oder temporale Struktur von verschiedenen Sinnesreizen einzuschätzen.

Wie unser Zeitempfinden beeinflusst werden kann:

Die präsentierten Reize unterscheiden sich dabei nicht nur in ihrer Dauer, sie werden auch systematisch in anderen Eigenschaften verändert. Was aus den Forschungsergebnissen klar wird: Wahrgenommene Zeit ist nicht gleich physikalischer Zeit. Und alle denkbaren Faktoren verzerren unsere Einschätzungen von Dauern: Größe, Anzahl, Geschwindigkeit, generell Eigenschaften, die als mehr oder weniger klassifiziert werden können; aber auch unsere unmittelbaren Erfahrungen beeinflussen, ob uns ein Ereignis als kürzer oder länger vorkommt. Das sind nur äußerliche Einflussfaktoren – auch unser mentaler Zustand verändert die Wahrnehmung von Zeit: schwankende Aufmerksamkeit oder unsere emotionale Gefühlslage wirken sich auch auf Wahrnehmung aus.

Unsere Wahrnehmung von Zeit kann also tatsächlich nicht nur beschleunigt, sondern auch verlangsamt werden.

Wie wird Zeit im Gehirn verarbeitet?

Jedem unserer Sinne ist ein spezialisiertes Gehirnareal zur Signalverarbeitung zugeteilt: Zum Beispiel kommen visuelle Informationen im visuellen Kortex an, der olfaktorische Kortex dient der Geruchswahrnehmung, und unserem Tastsinn ist der somatosensorische Kortex zugeteilt. Für die Wahrnehmung von Zeit wurde bisher noch kein zentraler Ort im Gehirn gefunden. Vielmehr deuten Forschungsergebnisse darauf hin, dass unterschiedliche Systeme an unterschiedlichen Arten von Zeitwahrnehmung mitwirken. Zum Beispiel gibt es den circadianen Rhythmus, der unter anderem unseren Schlaf-Wach-Rhythmus steuert und fest in der Zellphysiologie verankert ist. Wenn wir gefragt werden, wann wir das letzte Mal im Urlaub waren, den Kleiderschrank ausgemistet oder ein Kompliment erhalten haben, ist das auch eine Art von Zeitwahrnehmung, die aber hauptsächlich auf unser Gedächtnis und unser Wissen über Uhren und Kalender beruht. Auch für die Wahrnehmung von kurzen Dauern, wie sie in diesem Artikel beschrieben wird, wurde bisher noch keine neuronale Stoppuhr gefunden. Aktuell gehen Forscher*innen davon aus, dass Zeit aus neuronalen Prozessen, die ganz anderen kognitiven Aufgaben zu Grunde liegen, abgeleitet werden kann. Die Idee ist, dass alle kognitiven und neuronalen Prozesse an sich schon zeitlich ausgedehnt sind – somit ist Zeiteine im Gehirn omnipräsente Information.

Quellen und Literaturangaben

Schlichting, Nadine – Time & Other Dimensions, Universität Groningen, 2019.

Wittmann, Mark – Gefühlte Zeit: Kleine Psychologie des Zeitempfindens, C.H. Beck, 2013.

Buonomano, Dean – Your Brain is a Time Machine: The Neuroscience and Physics of Time, WW Norton & Co, 2018.

Weiterführende Tipps

Der Psychologe Professor Philip Zimbardo erklärt, wie sich unsere individuellen Zeitperspektiven auf unsere Arbeit, Gesundheit und unser Wohlbefinden auswirken:

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