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Pilzdach statt Betondecke? Warum nicht. Die Wissenschaft ist fast so weit. Als eine der ersten tragenden Konstruktionen aus Pilzmyzelium und Bambus sorgte der „MycoTree“ schon 2017 für Aufsehen.

Seoul Biennale of Architecture and Urbanism, 2017

Wie riesige DNA-Stränge winden sich die Arme des „MycoTrees“ ineinander, bilden ein Dach, das die Betrachter des künstlichen Baumes beschirmt. Kaum zu glauben: Die rauen Bausteine der luftigen Architektur sind – aus Pilzen. Genauer: aus ihrem Wurzelwerk.

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Der "MycoTree", eine Konstruktion aus Pilzmyzelium und Bambus.

Bild von Carlina Teteris auf Block Research Group

Futurium Berlin, 2019

Auch das Objekt „MycoTecture“ im Haus der Zukünfte überrascht Besucher mit seiner charakteristischen Geometrie, die an überdimensionale Chromosomen erinnert. In Kombination mit Bambus ermöglicht es diese besondere Konstruktion, dass das eher weiche Pilzmyzelium-Material künftig interessant für die Bauindustrie werden könnte.

Entwickelt wurden „MycoTree“ und „MycoTecture“ von Wissenschaftler*innen des Karlsruher Instituts (KIT) und der Block Research Group ETH Zürich. Wie viele andere Forscher*innen erproben sie derzeit den Einsatz wiederverwertbarer Baustoffe wie Myzelium oder Bambus in der Architektur. Denn der Bedarf an nachwachsenden Materialien für die Baubranche ist groß.

Recycling-Häuser aus Pilzzellen

Unsere Vision ist es, Häuser künftig sozusagen wachsen zu lassen und nach Ende ihrer Nutzung die Baustoffe wiederzuverwerten

Professor Dirk E. Hebel

Der Grund: Viele Ressourcen sind endlich. Zum Beispiel Sand, der in der Betonherstellung eine wichtige Rolle spielt. Zudem macht der Einsatz von Stahlbeton viele Länder abhängig von Exporten. Nachwachsende Baustoffe wie Pilzmyzelium wären eine Alternative zu konventionellen Materialien – und eine Chance, die Folgen des Anthropozän abzumildern. „Unsere Vision ist es, Häuser künftig sozusagen wachsen zu lassen und nach Ende ihrer Nutzung die Baustoffe wiederzuverwerten“, sagt der Leiter des Fachgebiets Nachhaltiges Bauen an der Fakultät für Architektur des KIT, Professor Dirk E. Hebel.

Der große Vorteil von Baustoffen aus Myzelium: Die feinen und dicht verzweigten Pilzwurzeln wachsen schnell. Um die natürlichen Bausteine herzustellen, mischen die Forscher*innen aus Karlsruhe und Zürich Pilzgewebe mit Holzspänen oder anderen pflanzlichen Abfällen. Die Myzel-Zellen verdauen diese natürliche Nahrung und binden sie dabei wie ein lebendiger Klebstoff.

Leichte Bausteine, die gut isolieren

Auf einer Farm in Indonesien wächst auf diese Weise in wenigen Tag eine dichte, schwammähnliche Substanz aus miteinander verflochtenen Zellfäden. Diese Masse lässt sich in so gut wie jede Form füllen, wo sie sich weiter verdichtet. Um das Wachstum zu stoppen und den Pilz abzutöten, wird die Zellmasse getrocknet. Das Ergebnis sind leichte Bausteine, die gut isolieren.

Aber könnten die neuen Baustoffe in Zukunft tatsächlich belastbare Dachkonstruktionen bilden? Ja, sagen die Wissenschaftler*innen des KIT – in Kombination mit festen Materialien wie Bambus sowie durch die gezielte Gestaltung der geometrischen Form und des inneren Kräfteflusses. Möglich wird diese perfekte Form durch moderne Software. „Nachwachsende Baustoffe erhalten so das Potenzial, konventionelle Materialien in vielen architektonischen Strukturen zu ersetzen“, sagt Dirk E. Hebel.

Wie der MycoTree wuchs? Kannst Du hier verfolgen:

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Filmische Dokumentation des KIT