Das zweigeteilte Bild einer jungen Frau

© Futurium / Midjourney

Deepfakes sind in unserem Alltag angekommen – ein Interview mit Medienforscher Alexander Godulla

„Ein Bild allein beweist heute nichts mehr“

Alexander Godulla ist Professor für Empirische Kommunikations- und Medienforschung an der Universität Leipzig und engagiert sich bei der Plattform Lernende Systeme, einem Experten-Netzwerk für Künstliche Intelligenz bei acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften. Seit vielen Jahren forscht er zu Deepfakes und synthetischen Medien. Gemeinsam mit seinem Team hat er 2026 eine neue Studie veröffentlicht, die untersucht, wie Menschen Deepfakes wahrnehmen und mit ihnen umgehen. Im Interview ordnet er zentrale Ergebnisse ein.

Das zweigeteilte Bild einer jungen Frau

© Futurium / Midjourney

Was war für Sie der überraschendste Befund der aktuellen Erhebung?

Alexander Godulla: Am meisten überrascht hat mich die Geschwindigkeit der Entwicklung. 2022 gaben noch 77 Prozent der Menschen in Deutschland an, im vergangenen Jahr nie einem Deepfake begegnet zu sein. 2025 sagen das nur noch 27 Prozent. Fast drei Viertel nehmen inzwischen Kontakt mit Deepfakes wahr. Dass sich ein Phänomen innerhalb von drei Jahren von einer Randerscheinung zu einer Alltagserfahrung entwickelt, ist selbst für die schnelllebige digitale Welt bemerkenswert. Zugleich zeigt sich: Das Wissen über Deepfakes wächst deutlich langsamer als die Kontakthäufigkeit. 

Sie sprechen vom „Ende des authentischen Bildes“. Müssen wir grundsätzlich neu lernen, was als Beweis gilt?

Godulla: Ja, genau das meine ich. Über 150 Jahre lang galt die Fotografie als besonders glaubwürdiger Zeuge, nach dem Motto: Was auf einem Bild zu sehen ist, muss so gewesen sein. Diese Gewissheit ist unwiederbringlich verloren. Ein Bild allein beweist heute nichts mehr, denn es kann vollständig synthetisch erzeugt sein. Wir müssen den Beweiswert anders ermitteln: über die Quelle, den Kontext, die Herkunft einer Aufnahme und die Frage, wer sie mit welchem Interesse verbreitet. Als Gesellschaft stehen wir damit am Anfang eines kollektiven Lernprozesses.

Politische Deepfakes werden häufiger wahrgenommen, obwohl pornografische viel verbreiteter sind. Was bedeutet diese Wahrnehmungslücke?

Godulla: Politische Deepfakes begegnen uns offen in Feeds und in der Berichterstattung, pornografische kursieren dagegen in Räumen, die viele Menschen nie betreten. In unserer Befragung nennen 74 Prozent derjenigen mit Deepfake-Kontakt politische Inhalte, nur 19 Prozent pornografische. Für die Debatte heißt das: Gefahren werden nach Sichtbarkeit gewichtet statt nach Verbreitung. Nur 29 Prozent sorgen sich, selbst in einem pornografischen Deepfake dargestellt zu werden, bei anderen Formen sehen 62 Prozent diese Gefahr. Diese gefühlte Distanz zum eigenen Risiko halte ich für das eigentliche Problem.

Ist die eigentliche Gefahr nicht eher, dass echte Aufnahmen zunehmend als Fake abgetan werden können?

Godulla: Das halte ich tatsächlich für die unterschätzte Seite des Problems. Wenn prinzipiell jedes Bild gefälscht sein kann, lässt sich umgekehrt auch jedes echte Bild als Fälschung abtun. Der Manipulationsvorwurf wird so selbst zur Manipulationsstrategie. Das Perfide daran: Diese Lügendividende funktioniert ganz ohne technische Fälschung, sie braucht nur den allgemeinen Zweifel. Genau deshalb ist es so wichtig, dass wir Verfahren der Verifikation stärken.

Alexander Godulla ist Professor für Empirische Kommunikations- und Medienforschung am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft (IfKMW) der Universität Leipzig. Er forscht insbesondere zu Künstlicher Intelligenz und visueller Kommunikation im digitalen Zeitalter. Unter anderem ist er Co-Direktor des Leipziger Deepfake-Projekts. Zuvor war er Professor an der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Passau.

Foto: Alexander Godulla

Gibt es so etwas wie „Deepfake-Müdigkeit“ – dass Menschen irgendwann aufhören, sich überhaupt noch zu fragen, ob etwas echt ist?

Godulla: Diese Gefahr ist real, und wir sehen erste Anzeichen dafür. Wer wahrnimmt, häufiger mit Deepfakes in Kontakt zu kommen, entwickelt eher Medienzynismus, also die pauschale Haltung, ohnehin von allen Seiten belogen zu werden. Das ist etwas anderes als gesunde Skepsis. Skepsis fragt nach und prüft, Zynismus winkt ab und hört auf zu unterscheiden. Genau diese Gleichgültigkeit wäre der eigentliche Triumph der Desinformation.

Kann ich lernen, ein Deepfake mit bloßem Auge zu erkennen?

Godulla: Ehrlich gesagt ist das der falsche Ansatz. Nur rund ein Viertel der Befragten traut sich zu, ein Deepfake selbst zu erkennen oder ein echtes von einem gefälschten Video zu unterscheiden. Die Technik wird schneller besser, als unser Auge geschult werden kann. Mein Rat lautet deshalb: Verlassen Sie sich nicht auf den geschulten Blick, sondern auf die geprüfte Quelle. Die Frage ist nicht, wie ein Bild aussieht, sondern woher es stammt.

Wir reden vor allem über Gefahren. Gibt es auch sinnvolle Anwendungen synthetischer Medien?

Godulla: Durchaus, und die Bevölkerung sieht das differenzierter, als man denken könnte. In unserer Befragung findet der Einsatz vor allem dort Zustimmung, wo niemand getäuscht wird: im Onlinehandel, etwa beim virtuellen Anprobieren von Kleidung, in der Bildung, wo sich historische Ereignisse anschaulich visualisieren lassen, und im Film. Entscheidend ist für die Menschen weniger die Technik selbst als die Frage der Redlichkeit: Der Einsatz gilt als legitim, wenn offengelegt wird, dass KI im Spiel war, und wenn abgebildete Personen zugestimmt haben. Synthetische Medien sind eben nicht per se schädlich. Es kommt darauf an, ob sie veranschaulichen und ergänzen oder ob sie täuschen.

Sie fordern Medienbildung, die früh ansetzt. Was können Schulen oder Eltern schon heute konkret tun?

Godulla: Man braucht dafür keine Reform, sondern vor allem Gespräche über Bilder. Eltern können mit ihren Kindern gemeinsam Inhalte anschauen und einfache Fragen einüben: Wer hat das veröffentlicht? Warum jetzt? Was sagen andere Quellen dazu? Schulen können aktuelle Fälle in den Unterricht holen. Wichtig ist mir dabei die Haltung: Es geht nicht darum, Kindern generelles Misstrauen anzutrainieren, sondern gesunde Skepsis plus Prüfroutinen.

Der EU AI Act sieht Kennzeichnungspflichten vor. Wie wirksam kann das sein?

Godulla: Kennzeichnungspflichten sind kein Allheilmittel, aber auch nicht wirkungslos. Natürlich werden sich böswillige Akteure außerhalb der EU nicht daran halten. Der AI Act setzt trotzdem eine Norm, was legitime Nutzung ist, und verpflichtet große Plattformen zu technischen Vorkehrungen. Unsere Daten zeigen zudem: Über 90 Prozent der Menschen in Deutschland wünschen sich eine Markierung von Deepfakes. Entscheidend wird sein, Kennzeichnung mit technischen Herkunftsnachweisen und mit Medienbildung zu verbinden.

Wenn Sie in fünf Jahren dieselbe Befragung noch einmal durchführen: Was befürchten Sie – und wo sind Sie optimistisch?

Godulla: Ich befürchte, dass die Lügendividende zunimmt, dass also echte Bilder routinemäßig als Fälschung abgetan werden und sich Teile der Öffentlichkeit in getrennte Wirklichkeiten zurückziehen. Optimistisch stimmt mich: Zwischen 2022 und 2025 ist die Zuversicht der Menschen, mit Deepfakes umgehen zu können, leicht gewachsen. Regulierung und technische Herkunftsnachweise entwickeln sich weiter. Und historisch hat sich jede Gesellschaft an neue Medientechnologien angepasst. Ich rechne also nicht mit dem Ende der Wahrheit, sondern mit einem mühsamen, aber machbaren Lernprozess.

 

 

Das für den Blogbeitrag verwendete Bild wurde mit der KI-gestützten Bildgenerierungstechnologie Midjourney erstellt. Es dient der Visualisierung und könnte stilisierte oder abstrahierte Darstellungen enthalten. Alle Rechte an den generierten Bildern liegen beim Futurium oder den jeweiligen Urheber*innen, soweit zutreffend. Folgender Prompt wurde verwendet: A single fictional person standing in an ordinary realistic environment, photographed straight on as a documentary portrait. The image splits vertically down the center into two perfectly aligned realities, same person, same pose, same clothing, same location. LEFT HALF: Authentic documentary photograph - natural human proportions, realistic skin, natural hair, believable hands, correct anatomy, physically correct shadows and light, genuine depth, subtle film grain, natural imperfections. RIGHT HALF: Extremely exaggerated synthetic reality. The person appears almost impossibly real but the physical world is wrong. 

Autor*in

Ludmilla Ostermann