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Foto: (c) Stephanie Wunder

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Interview mit der Diplom-Ingenieurin Stephanie Wunder

„Die Ernährung der Zukunft sieht viel weniger futuristisch aus, als sich das viele heute vorstellen mögen“

Die Diplom-Ingenieurin Stephanie Wunder beschäftigt sich mit Ernährung und forscht dazu am europäischen Ecologic Institute in Berlin. Sie verrät, was wir zukünftig essen werden – und ob Fleisch aus dem Labor wirklich sinnvoll ist.

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Frau Wunder, was essen wir in 30 Jahren?

Stephanie Wunder: Die Menschen weltweit essen vor allem: mehr. Denn die Weltbevölkerung wächst stark an. Aktuell leben ca. sieben Milliarden Menschen weltweit, im Jahr 2050 werden den Prognosen zufolge zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben. Damit steigt die Nachfrage an Lebens- und Futtermitteln und anderen Rohstoffen für Kleidung, Energie etc. Das wiederum stellt eine große Herausforderung dar, denn die verfügbaren natürlichen Ressourcen wachsen ja nicht mit der Bevölkerung.

Das klingt außerordentlich problematisch

Wunder: Dazu kommt, dass wir mit den verfügbaren Ressourcen nicht schonend umgehen. Weltweit wird ca. ein Drittel der produzierten Lebensmittel nicht gegessen, sondern verdirbt auf dem Weg zu den Konsument*innen oder wird weggeschmissen. Auch der global ansteigende Konsum von Fleisch und anderen tierischen Produkten ist nicht nachhaltig, da sie im Vergleich zu pflanzlichen Lebensmitteln wesentlich mehr Ressourcen verbrauchen. Die Menge der verzehrten tierischen Lebensmittel in den Industrieländern - darunter Deutschland - ist zudem auch aus Gesundheitsperspektive zu hoch. Und andere Länder holen hier auf: Mit der global wachsenden Mittelschicht in den Schwellenländern wächst auch die Nachfrage von tierischen Produkten, auch weil diese Produkte noch immer als Zeichen des Wohlstands gelten.

Ist der Konsum von tierischen Produkten damit ein Statussymbol?

Wunder: Bei der Prägung von Ernährungsgewohnheiten spielen viele Faktoren eine Rolle. Der Ausdruck von Wohlstand und Status ist dabei nicht dominierend, hat aber auch Einfluss. So ist zum Beispiel auffällig, dass etwa in Asien die Nachfrage nach Milchprodukten steigt, obwohl viele Asiaten eine Laktoseintoleranz haben, ihr Körper also gar nicht darauf ausgelegt ist, Milchprodukte zu sich nehmen.

Immer mehr Menschen wollen also immer mehr tierische Produkte

Wunder: Genau – und dieser Trend ist sehr problematisch. Denn für die Produktion tierischer Produkte werden viel mehr Ressourcen verbraucht als etwa für pflanzliche. Die Produktion der gleichen Menge tierischer Kalorien oder Proteine verbraucht über die Produktion von Futtermitteln ein Vielfaches an Land, Wasser und Energie und führt damit zu mehr Treibhausgasemissionen.

Für die Produktion tierischer Produkte werden viel mehr Ressourcen verbraucht als etwa für pflanzliche.

Stephanie Wunder

Was können wir dagegen tun?

Wunder: Wir können unseren Verbrauch von tierischen Lebensmitteln reduzieren. Eine stärker pflanzenbasierte Ernährung ist damit auch ein wichtiger Beitrag für die Ernährung der Weltbevölkerung und gegen die Klimakrise: Momentan isst jede*r Deutsche etwa 60 Kilogramm Fleisch pro Jahr. Dass das viel zu viel ist, darin sind sich auch Gesundheitsexpert*innen einig. So sagt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), dass - wenn überhaupt - maximal die Hälfte gegessen werden sollte. In der 2019 veröffentlichten und weltweit beachteten "EAT Lancet" Studie wiederum rechnen internationale Wissenschaftler*innen vor, dass für eine gesunde, umweltverträgliche Ernährung weltweit maximal 15 kg Fleisch pro Person zur Verfügung stehen.

Wie können wir das ändern?

Wunder: Um an der Änderung von Ernährungsgewohnheiten anzusetzen, braucht es weniger Verbote, als einen langen Atem, viele Anreize und geänderte Rahmenbedingungen. Zum einen sollten die gesellschaftlichen Kosten, die durch die Tierproduktion und deren Konsum entstehen, schon beim Kauf des Fleisches eingepreist sein und damit der ehrliche Preis zum Ausdruck kommen. Im Moment kommt uns unser billiges Fleisch teuer zu stehen: z.B. über hohe Kosten im Gesundheitssystem, über Nitrat im Grundwasser, durch Treibhausgasemissionen und Antibiotikaresistenzen - von dem Leid der Tiere, das in keinem Preisschild zum Ausdruck kommt, mal abgesehen. Es sollten zudem Alternativen stärker gefördert werden. So können Kantinen ihr Angebot auch mit stärker pflanzenbasierten Angeboten erweitern und verbessern. Auch Fleischalternativen sollten besser erforscht und ggf. gefördert werden. Schulen können über Schulgärten und den Aufbau von Ernährungskompetenzen frühzeitig förderlichen Einfluss auf eine gesunde Ernährung nehmen etc.

Welche Alternativen gibt es zu Fleisch?

Wunder: Inzwischen gibt es eine große Bandbreite an Alternativen - von der abwechslungsreichen veganen oder vegetarischen Ernährung bis hin zu Fleischalternativen, die aus Pflanzen oder Insekten stammen und den Geruch, den Geschmack und das Aussehen immer besser imitieren und ebenso wie Fleisch zubereitet werden können. Aus Umweltsicht schneiden hier insbesondere die pflanzlichen Fleischalternativen am besten ab - ebenso wie Tofu oder Seitan. Aus Gesundheitssicht sollten Produkte bevorzugt werden, die einen geringen Verarbeitungsgrad aufweisen. Auch Insekten stellen eine gute alternative Proteinquelle dar. Da Insekten in der Produktion etwas weniger Ressourcen verbrauchen als Fleisch von Rind, Schwein und Huhn, sind diese auch aus Umweltsicht interessant. Allerdings sehe ich momentan nicht, dass der Konsum von Insekten als Fleischalternative in naher Zukunft eine große Rolle in Europa spielen wird: durch die geringe Akzeptanz, den noch immer dominierenden "Ekelfaktor" und auch weil Fleisch noch immer viel billiger ist.

Es gibt schon viele kleine Unternehmen, die Fleischzellen im Labor, also "in vitro" in der Petrischale züchten.

Stephanie Wunder

Was ist mit Fleisch aus dem Labor?

Wunder: Es gibt schon viele kleine Unternehmen, die Fleischzellen im Labor, also "in vitro" in der Petrischale züchten. Noch sind diese jedoch in kleinem Maßstab in der Testphase und noch nicht am Markt erhältlich. Aus diesem Grund sind auch noch keine Umweltbilanzen bekannt, auch wenn vieles darauf hindeutet, dass die Produktion sehr energieintensiv ist. Eine große Herausforderung ist es auch, ein serumfreies, also tierfreies Nährmedium zu entwickeln, in dem die Zellen wachsen können. Noch wird hierfür fetales Kälberserum genutzt, das aus dem Blut ungeborener Kälber gewonnen wird - und damit wenig tierfreundlich und sehr teuer ist.

Wenn wir nun schon bei futuristischem Essen sind: Welche anderen Lebensmittel erwarten uns in der Zukunft?

Wunder: Die wichtigste Zukunftsaufgabe überhaupt ist es, eine wachsende Weltbevölkerung gesund und innerhalb der planetaren Grenzen - also umweltfreundlich - zu ernähren. Eine futuristische Welt neuer Nahrungsmittel braucht es dafür nicht. Natürlich können uns Digitalisierung, Züchtungsfortschritte und Technologien dabei helfen, diesem Ziel näher zu kommen. Und natürlich wird es Menschen geben, die Pulvershakes nutzen, statt Mahlzeiten zu kochen, die 3D Drucker für ihr Essen einsetzen, die sich Gemüse und Pilze unterirdisch anbauen, mit Tracking-Apps eine personalisierte Ernährung entwickeln oder sich ihre Insekten zu Hause züchten. Vielfach lenkt aber die mediale Aufmerksamkeit für diese neuen Ideen davon ab, dass wir auch mit bekannten Lösungen für Lebensmittelproduktion und -konsum die Herausforderungen der Zukunft gut angehen können.