PC101625 Version 2 small

Foto: Janine Kunz

Entdecken

Diskutieren

5-Stunden-Tag – Kann das funktionieren?

"Bei uns ist nichts verboten, es hat eine Sensibilisierung stattgefunden"

Lasse Rheingans denkt Arbeit neu. Der Geschäftsführer einer Bielefelder Digitalagentur hat 2017 in seinem Unternehmen den 5-Stunden-Tag eingeführt – bei Zahlung des vollen Gehalts. Welche Vorteile das hatte, aber auch welche Hürden es zu überwinden galt, hat er Onlineredakteurin Ludmilla Ostermann im Interview erzählt.

PC101625 Version 2 small

Foto: Janine Kunz

Dass neben der Zeit auch der Raum in der modernen Arbeitswelt keine feste Größe sein muss, zeigt die aktuelle Situation: „Wir bieten Homeoffice schon lange an. Als Digitalunternehmen haben wir alle Systeme so angepasst, dass der Ort der Arbeit egal ist“, sagt Rheingans, als wir wegen der Corona-Verordnung noch einmal bei ihm anfragen. Meetings, Workshops, der Kontakt mit den Kunden: „Unser Miteinander findet komplett virtuell statt.“

Wie sind Sie darauf gekommen, den 5-Stunden-Tag in Ihrem Unternehmen einzuführen?

Lasse Rheingans: Die Entscheidungen, die wir fällen, formen sich in dem Leben, das hinter uns liegt. Ich habe mich 2001 in der Medienbranche selbständig gemacht. Je größer das Unternehmen wurde, desto stressiger wurde es. Irgendwann habe ich gemerkt, dass Beruf, Ehefrau und Familie schwer unter einen Hut zu bekommen sind, wenn man noch minimal Lust hat, in der Freizeit etwas zu unternehmen. In meinem Studium in Australien war ich jeden Tag am Strand, war surfen oder habe ums Barbecue gestanden, obwohl das Studium anstrengend war. Es hat gezeigt: Arbeit und Freizeit sind vereinbar. Schließlich ist mein Vater gestorben, Freunde sind gestorben, es zeigte sich, das Leben ist endlich. Ich habe beschlossen, aus der Agentur auszusteigen und etwas Anderes zu machen. Ich wollte nicht mehr hinterherrasen und nur noch reagieren. Ich habe viel gelesen zum Thema New Work. Es gab dann die Möglichkeit, eine bestehende Agentur zu kaufen und etwas Neues auszuprobieren.

Haben alle gleich „Hurra“ gerufen bei der Idee eines 5-Stunden-Tages?

Rheingans: Die erste Reaktion war Verunsicherung. Die Mitarbeiter*innen haben vielleicht gedacht, ich teste sie auf Arbeitswilligkeit und wer jubelt, der fliegt raus. Einer hat gesagt „Lasse, ich kann das nicht. Ich bin unter Volldampf und wüsste gar nicht, an wo ich irgendwas effizienter machen kann.“ Diese Person ist übrigens immer noch da. Sie war zuvor einfach komplett überlastet. Klar kann man mal zwölf Stunden durchpowern, es sollte nur nicht zur Regel werden. Ich habe dann noch eine weitere Person zur Entlastung eingestellt. Das war die Lösung. Es ist anstrengend, sich über fünf Stunden zu fokussieren. Es erfordert viel Disziplin und Verbindlichkeit. Es gab Leute, die hatten keinen Bock darauf und sind gegangen. Eine ganz andere Folge, die zur Kündigung geführt hat, war die gewonnene Zeit: Zwei Mitarbeiter sind ins Grübeln darüber gekommen, wo sie beruflich stehen und wo sie noch hin möchten. Beide sind aus dem Agenturgeschäft aus- und ins Produktgeschäft eingestiegen. Ich freue mich darüber, weil sie durch das Arbeitszeitmodell erkannt haben, dass ihr Potenzial vielleicht woanders besser aufgehoben ist. Wenn ich meinen Job blöd finde, bin ich limitiert im Output.

In Meetings sitzen 20 Leute, die Hälfte spielt am Handy und weiß oft nicht, was sie dort verloren hat.

Lasse Rheingans

Wie sparen Sie Zeit ein?

Rheingans: Im internen Chat haben wir uns rege ausgetauscht, bis uns klar wurde: Hätten wir uns fünf Minuten zusammengestellt, hätten wir eine Stunde Chat gespart. Also haben wir kleine Sitz- und Gesprächsecken eingeführt, überall hängen Whiteboards – damit man schnell was anmalen, skizzieren, sich austauschen kann. Das spart viel Zeit. Wir kennen das alle: In Meetings sitzen 20 Leute, die Hälfte spielt am Handy und weiß oft nicht, was sie dort verloren hat. Wir haben Meeting-Regeln eingeführt. Werden die bei Einladung nicht befolgt, wird die Meeting-Einladung abgelehnt. Enthalten sein müssen eine Agenda, ein Ziel, ein Ort und alle Teilnehmer. Länger als 15 Minuten darf es zudem nicht dauern. Wir versuchen, die Ablenkung während der Arbeitszeit zu minimieren. Benachrichtigungen haben wir ausgeschaltet, Handys lassen wir bestenfalls in der Tasche, wir checken Mails zweimal am Tag. Wenn ich einmal abgelenkt werde, brauche ich laut Studien 15 Minuten, um wieder so konzentriert zu sein wie zuvor. Letztlich ist es eine Kulturfrage: Wie kommunizieren wir effizient miteinander? Bei uns ist nichts verboten, es hat einfach eine Sensibilisierung stattgefunden. Neuerdings machen wir Team-Yoga, um bewusster Situationen im Arbeitsalltag bewerten zu können. Und es ist eine geile Team-Maßnahme, auf die sich alle freuen.

Guter Punkt. Was passiert denn mit der Team-Kultur, wenn die gemeinsame Zeit begrenzt ist?

Rheingans: Der US-Amerikaner und Gründer Stephan Aarstol hat den eingeführten 5-Stunden-Tag in seiner Firma irgendwann zurückgedreht, weil er sagt, die Bindung zum Unternehmen ist geringer. Ich kann das in Teilen bestätigen, weil eben der Small Talk ausfällt. In Supervisions-Sitzungen haben wir festgestellt, dass wir mehr Team-Events abseits dieser 5 Stunden brauchen. Aus dem Team kam die Bereitschaft dafür. Wenn man mit Leidenschaft seinen Job macht und gerne mit den Menschen agiert, geht man einfach mal ein Bier trinken oder kocht zusammen, um sich auszutauschen. Es ist auch nicht so, dass immer um 13 Uhr der Stift fällt. Wir flexibilisieren und finden die für uns passend Modifizierung dieses Arbeitszeitmodells.

Wie oft reißen Sie denn die 5-Stunden-Marke?

Rheingans: In 50 bis 60 Prozent der Fälle schaffen wir die 5 Stunden. Seit zweieinhalb Jahren hat hier niemand mehr 40 Stunden gearbeitet, sondern weit darunter. Ich nehme mich da mal aus, denn ich führe wie jetzt Interviews, schreibe Bücher oder halte Vorträge. Das ist aber okay. Ich glaube, dass die Persönlichkeiten sich entwickeln, Mitarbeiter*innen sich ihrer Stärken bewusst werden müssen, damit Arbeitszeit wirklich irrelevant wird.

Die Kundenzufriedenheit ist entsprechend nicht belastet durch den 5-Stunden-Tag.

Lasse Rheingans

Wie steht es um die Produktivität in der 25-Stunden-Woche?

Rheingans: Wie lässt sich Produktivität in kreativen Berufen messen? Es gibt Tage, da kommen Designer*innen mit fünf perfekten Markenidentitäten um die Ecke. Und manchmal braucht er drei Wochen. Und das ist dann auch okay. Unsere Kunden sind zufrieden. Wir haben kaum Weggang. Und wenn, dann aus anderen Gründen. Wir gewinnen viele Kunden und halten sie auch. Wenn mal Not am Mann ist, bekommt die Projektleitung einen Anruf auf dem Handy. Das passiert sehr selten. Ist es aber doch so, ist die Bereitschaft aller viel höher, mal kurz einzuspringen. Anders als nach zehn oder zwölf Stunden. Wenn ich gerne mit dem und für den Kunden arbeite, kann er mich immer erreichen. Die Kundenzufriedenheit ist entsprechend nicht belastet durch den 5-Stunden-Tag.

Wie anwendbar ist das Modell auf andere Branchen?

Rheingans: Bei dieser Frage hole ich immer ein bisschen aus und sage, dass gerade die ganze Arbeitswelt und jeder einzelne Job komplett auf dem Prüfstand steht. Alle Jobs, die nicht Hirn und Mensch benötigen, werden durch KI, Robotik und Automatismen ersetzt. Einfach, weil wir A – das Personal nicht finden, B – niemand Bock darauf hat oder C – es einfach viel günstiger und fehlerfreier ist, wenn Maschinen manche Aufgaben übernehmen. Die Arbeit, die wir gerade als Menschen leisten, schaffen wir auch in weniger Zeit, glaube ich. Ob es das 5-Stunden- oder ein anderes Modell ist, muss jede Firma für sich herausfinden. Der 5-Stunden-Tag ist nicht das Ei des Kolumbus. Was aber auf jeden Fall funktioniert, ist, sich die zugrunde liegenden Kultur- und Haltungsfragen zu stellen. Wie betrachte ich Mitarbeiter*innen? Das Modell „Boss-befiehlt-Mitarbeiter*in“ ist träge und inkompetent. Wir werden nicht mehr über Arbeitsstunden sprechen, sondern uns fragen müssen, wie wir das beste Ergebnis erzielen können. Mitarbeiter*innen müssen entsprechend ihrer Potenziale eingesetzt werden. Mir geht es darum, Status-Dünkel und Glaubenssätze, die dies verhindern, verschwinden zu lassen.