Denkraum Mensch

Wo fang‘ ich an?

Hier noch etwas kaufen, dort etwas bestellen: Heutzutage lockt uns überall der Konsum. Können wir in so einer Umgebung überhaupt nachhaltiger leben? Prof. Dr. Niko Paech von der Universität Siegen erklärt, wie ein konsumfreieres Leben gelingt – und warum es sich lohnt.

Warum konsumieren die Menschen?
Konsum befreit davon, eigenständig Versorgungsleistungen erbringen zu müssen. Konsumobjekte erfüllen zudem drei Funktionen. Erstens eine objektiv messbare, etwa um ein physisches Bedürfnis zu befriedigen, zweitens eine emotional nach innen gerichtete, um einen Gefühlserfolg zu erzielen, und drittes eine symbolische, um durch Konsum eine Beziehung zur umgebenden sozialen Struktur herstellen zu können, ganz gleich ob auf Zugehörigkeit oder Distinktion ausgerichtet.

Was bewirkt der Konsum beim Menschen?
Er wird abhängig und verletzlich, weil er jegliche Autonomie verliert, sich mit dem zu arrangieren, was er kraft eigener Fähigkeiten oder gemeinsam mit anderen selbst produzieren kann. Als Gegenleistung für diese Verkümmerung erreicht er zunehmend höhere Niveaus der Technik- und Güterausstattung – jedenfalls solange die industrielle Fremdversorgung nicht zusammenbricht und solange er die dafür notwendige Einkommensquelle nicht verliert.

Leben wir aktuell in einer Konsumgesellschaft?
Nicht nur das – es besteht sogar eine steigende Tendenz, was die Verwandlung von Leistungen, die Menschen vormals selbst erbracht haben, in Konsumobjekte anbelangt. Die menschliche Existenz wurde in ihrem langfristigen Fortbestand – vielleicht mit Ausnahme nuklearer Waffen – bislang durch nichts so bedroht wie durch die Folgen der Konsumgesellschaft.

Was können wir dagegen tun?

Die Politik könnte die Regel einführen, dass jedem Menschen nur ein bestimmtes Quantum an Ressourcen und ökologischer Kapazität zustehen kann (zum Beispiel zwei Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr). Die Zivilgesellschaft kann aktiv werden, indem sie soziale Netzwerke, Gegenkulturen und Suffizienzpioniere hervorbringt, die sich dem Steigerungswahn verweigern und durch ihren Lebensstil den ökologischen Vandalismus konfrontieren und unter Rechtfertigungszwang bringen.

Und was können wir, jeder einzeln, machen?
Ballast abwerfen: Von welchen Konsumkrücken und dekadenten Genüssen, die mich Zeit, Geld und Raum kosten, kann ich mich freimachen? Man sollte also ein überschaubares und entschleunigtes Leben einüben, Einfachheit und Entrümpelung als Befreiung begreifen. Suffizient lebende Menschen sind mit sich selbst im Reinen, widerstandsfähiger und haben weniger Stress. Sie können weniger arbeiten, weil sie weniger Geld brauchen. Die frei gewordene Zeit kann auf vielfältigste Weise die Lebensqualität erhöhen.

Müssen wir auf alles verzichten?
Nein. Hilfreich ist die Unterscheidung zwischen Grundbedürfnissen und Luxus. Letzterer lässt sich wiederum in schädlich (Flugreisen, Kreuzfahrten, unnötige Autofahrten und Neuanschaffungen, übermäßiger Fleischkonsum, zu viel Elektronik etc.) und unschädlich (Musik, Wirtshausbesuche, Partys, Literatur, Wandern, Sport, Radfahren, Handwerk, Gartenarbeit, politisches und soziales Engagement etc.) unterteilen.

Wie hält man das durch?
Durch Übung und den Aufbau von Gruppen, deren Mitglieder sich gegenseitig in reduktiven Praktiken bestärken. Und wenn die individuelle Öko- oder CO2-Bilanz global dann schließlich verantwortbar ist – das lässt sich kinderleicht mit einem CO2-Rechner sowie dem Global-Footprint-Rechner im Netz abschätzen – , liefert man damit ein kopierfähiges Beispiel.

Welche Auswirkungen hat weniger Konsum auf die Umwelt?
Die Umwelt kann durch nichts mehr entlastet werden als durch eine sesshafte und suffiziente Lebensführung. Denn daraus ergibt sich ein direkter Effekt (Senkung der eigenen ökologischen Belastung), indirekter Effekt (Konfrontation/Inspiration anderer Individuen) und ein tertiärer Effekt, indem der Industrie die Basis entzogen wird.

Konsumieren wir in 20 Jahren alle mehr oder weniger?
Verschiedenen Krisenszenarien werden uns die Möglichkeit, weiterhin so viel zu konsumieren, schlicht aus der Hand nehmen. Es lässt sich allerdings nicht genau abschätzen, ob davon tatsächlich alle Menschen betroffen sein werden oder eine Elite übrigbleibt, die ihren Wohlstand wahren kann.