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Bioökonomie und Futurium

Rede zum Auftakt des Wissenschaftsjahres

Von Stefan Brandt – Es ist inzwischen fast 50 Jahre her, dass der Club of Rome auf „die Grenzen des Wachstums“ hinwies. Spätestens seit diesem Zeitpunkt, 1972, ist bekannt, dass wir unseren ressourcenschweren Lebensstil nicht fortsetzen können. Aber getan hat sich seither viel zu wenig – auch bei uns, wie zwei Beispiele aus dem Entsorgungsbereich zeigen:

  • Wir Deutschen glauben, wir seien „Recyclingweltmeister“. Doch trotz eines aufwändigen Abfallsystems, das uns nach Berechnungen des Wuppertal-Instituts ca. 50 Mrd. EUR im Jahr kostet, kommen letztlich nur rund 14% der hier eingesetzten Rohstoffe aus Recyclingprozessen.
  • Und apropos Recyclingweltmeister: Obwohl uns die Mülltrennung leichtgemacht wird, gibt es laut Abfallwirtschaft 40%-60% sogenannte „Fehleinwürfe“ in die gelben Tonnen für den Verpackungsmüll. Gerade einmal jede zweite Verpackung landet dort, wo sie hingehört.
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Viele weitere Beispiele wären zu nennen, die Tendenz ist immer die gleiche: Trotz beachtlicher Einzelerfolge haben wir es noch nicht geschafft, eine echte Trendwende in Sachen Nachhaltigkeit zu erzielen. Und dieses „Wir“ umfasst bis auf ganz wenige Ausnahmen fast alle von uns. Es sind eben nicht nur wirtschaftliche oder politische Akteure, für die nachhaltige Herstellung oder Recyclingfähigkeit zu häufig nur Lippenbekenntnisse bleiben. Nein, wir alle lassen uns von unserer eigenen Convenience, unserer Bequemlichkeit, treiben und wählen gern den vermeintlich leichtesten Weg. Dies zu ändern ist wahnsinnig schwer. Wollen wir die „große Transformation“ hin zu einer Kreislauf-Ökonomie tatsächlich schaffen, dann müssen wir viele Themen zugleich angehen:

  • Erstens müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass wir nur mit innovativen Technologien den Sprung in die Bioökonomie bewältigen können. Wir brauchen also Offenheit für Neues und Mut zum Risiko.
  • Wir müssen uns aber zweitens zugleich von der allzu bequemen Vorstellung lösen, dass Nachhaltigkeit allein durch die Umstellung bisheriger Produktionsmuster auf „grüne Technologien“ gelingen könnte. Ohne Schlüsselbegriffe wie „Verzicht“ auf individueller Ebene und „Regulierung“ auf politischer Ebene wird jede angestrebte Ressourcenwende wirkungslos bleiben.
  • Wir müssen drittens eine ehrliche Debatte darüber führen, wie wir leben wollen. Das bedeutet auch, die Konsequenzen der verschiedenen möglichen Zukünfte aufzuzeigen. Nehmen wir es in Kauf, dass wir bei Fortsetzung unseres Lebensstils die Existenz nachfolgender Generationen massiv gefährden? Oder akzeptieren wir es umgekehrt, dass eine radikale Nachhaltigkeitswende auch manches von dem in Frage stellt, das wir heute als festen Bestandteil eines modernen, selbstbestimmten Lebens empfinden? Sind wir tatsächlich zu Opfern bereit – oder nur zu Symbolhandeln, um unser Gewissen zu beruhigen?
  • Wir müssen viertens bedenken, dass demokratische Gesellschaften durch komplexe und oft widersprüchliche Meinungsbildungsprozesse gekennzeichnet sind. Es wird beispielsweise Menschen geben, die zwar nicht grundsätzlich an der Notwendigkeit des Umsteuerns zweifeln, die aber andere Vorstellungen in puncto Geschwindigkeit und Umfang haben. Es ist unabdingbar, mit diesen Menschen ins Gespräch zu kommen und auch ihre Perspektiven in den gemeinsamen Lösungshorizont einfließen zu lassen. Vielleicht wird das Ergebnis dann zumindest im ersten Schritt nicht 1:1 dem entsprechen, was die Wissenschaft als geboten erachtet. Aber: Was wäre die Alternative?

Die „große Transformation“ von einer Verbrauchsökonomie hin zu einer Bio-Ökonomie ist also eine herausfordernde, aber letztlich unabdingbare Aufgabe, die uns alle angeht. Sie ist eines der ganz zentralen Zukunftsthemen. Und sie bedarf einer „großen Erzählung“ über die angestrebte Zukunftsvision, die Probleme nicht verschweigt und Chancen nicht kleinredet. Gelingt es uns also, eine Erzählung der Nachhaltigkeit zu entwerfen, die gesellschaftliche Wirkungskraft entfaltet und es mit den Doomsday- oder den Weiter-So-Szenarien tatsächlich aufnehmen kann?

Wir können „Widerhaken“ setzen.

Stefan Brandt

Auf diesem Weg kann das Futurium eine Hilfestellung bieten, nicht mehr und nicht weniger. Wir können an diesem Haus Menschen – und damit meine ich Individuen genauso wie Unternehmen, Parteien und Initiativen – für die Themen der „Bioökonomie“ sensibilisieren. Wir können „Widerhaken“ setzen, die den Trott der Bequemlichkeit durchbrechen und Impulse für ein Umdenken geben. Wir können Erfolgsbeispiele im Kleinen zeigen, die das Potenzial haben, zu großen Lösungen zu reifen.

Dafür setzen wir im Futurium auf mehreren Ebenen an: In unserer Ausstellung gibt es drei Denkräume, mit denen wir zentrale Zukunftsdimensionen beleuchten: Natur, Mensch und Technik. Naheliegender Weise beschäftigt sich vor allem der Denkraum „Natur“ mit den Themen der Bioökonomie:

  • Wir zeigen Beispiele nachwachsender und biologisch abbaubarer Materialien, die es mit Kunststoffen aufnehmen können. Mikroalgen werden zu Schaumgummi und Orangenschalen zu hitzebeständigem Bio-Kunststoff.
  • Mit einer Kugelbahn inszenieren wir den biologischen Kreislauf abbaubarer Stoffe und den technologischen Kreislauf knapper Materialien.
  • Und wir beschäftigen uns auch mit Pilzwurzeln, die zu biologisch abbaubaren Baustoffen werden.

Das sind nur einige von vielen Ausstellungsstationen mit Bezug zur Bioökonomie. Aber auch die beiden anderen Denkräume „Technik“ und „Mensch“ berühren Themen des Wissenschaftsjahrs. Digitale Technologien können dabei helfen, mit Ressourcen sparsamer umzugehen – wobei wir hier Datenschutzaspekte immer berücksichtigen müssen. Und im Denkraum Mensch verbinden wir das Thema Kreislaufwirtschaft mit Prinzipien wie Leihen, Tauschen und Reparieren. Auch das heikle Thema „Verzicht“ sprechen wir explizit an.

Die Suche nach „common grounds“ ist ein wesentlicher Antrieb unserer Arbeit.

Stefan Brandt

Bioökonomie spielt auch in unserem Futurium Lab eine große Rolle, unter anderem in Workshop-Angeboten für Schulklassen, die rege frequentiert werden. Und auch unser Veranstaltungsprogramm nimmt sich des Themas in zahlreichen partizipativen Formaten an. Die besondere Chance dieses Hauses im Zentrum der Hauptstadt ist es, die Perspektiven der vielen hunderttausend Gäste mit den Erkenntnissen aus der Wissenschaft und mit der politischen Ebene zusammenzubringen. Natürlich ist dabei der Weg zu echter Vernetzung noch lang. Wir wollen uns dieser Herausforderung aber stellen, denn die Suche nach „common grounds“ – nach den Werten und Ideen, die uns verbinden und nicht trennen – ist ein wesentlicher Antrieb unserer Arbeit.

Der amerikanische Visionär Richard Buckminster Fuller sagte einmal: „Die Minute, in der man zu tun beginnt, was man tun will, ist der Anfang einer wirklich anderen Art des Lebens.“ Wir sollten jetzt damit beginnen, solange wir noch Zeit dafür haben. Das Futurium wird seinen Beitrag dazu leisten.

Anmerkung: Der Text basiert auf einer Ansprache des Autors bei der Eröffnung des Wissenschaftsjahrs „Bioökonomie“ am 16. Januar 2020 im Futurium.