Denkraum Mensch

Hinter den Kulissen des Konsums

Im 20. Jahrhundert hat der Konsum die Massen erreicht: Vieles, was früher Luxus war, wird zur Ware für jedermann - ob Fahrzeuge oder Kleidung. Der Handel und Vertrieb von Gütern kennt fast keine Grenzen: Märkte werden global. Der Konsum ist heute ein bestimmendes Merkmal unseres Lebens, so Frank Trentmann, Professor für Geschichte an der Universität London. „Hochentwickelte Wirtschaften sind auf Gedeih und Verderb von ihrer Fähigkeit abhängig, durch Werbung, Markenbildung und Konsumkredite ein hohes Ausgabenniveau zu erreichen und aufrechtzuerhalten.“[0] Das bleibt nicht ohne Folgen für unseren Planeten.

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Auf Kosten der Natur

In Deutschland ist der private Konsum für ein Viertel aller Treibhausgasemissionen verantwortlich. Große Mengen Methan und Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) gelangen in die Umwelt – und natürlich Kohlendioxid: Im Durchschnitt stößt jede*r Deutsche pro Kopf 9,9 Tonnen CO2 im Jahr aus.[1] Und: Der private Konsum macht einen großen Teil des Raubbaus an den Rohstoffen unserer Erde aus.

Für die Herstellung von Elektrogeräten oder Autos werden zum Beispiel große Mengen seltener Erden, aber auch Unmengen von Wasser verbraucht. Viele der Geräte werden in Ländern produziert, in denen Wasser ohnehin ein knappes Gut ist. Der Konsum der westlichen Welt führt hier also zu einer Verschärfung einer ohnehin schon kritischen Lage. Auch Holz ist ein begehrter Rohstoff. Im Jahr 2017 wurde festgestellt, dass der tropische Wald in den beiden Jahren zuvor eine Fläche so groß wie Vietnam verloren hat. Oft werden Wälder illegal gerodet.[2] Große Waldflächen verschwinden, um dort Nutztiere zu halten.[3] Oder um Platz zu schaffen für den Anbau von Futtermitteln – etwa Soja für Rinder[4]. Und: Der Fleischkonsum steigt, und damit auch der Rohstoffverbrauch für die Herstellung des Nahrungsmittels.

Der Kahlschlag im Wald schadet nicht nur dem Klima. In Urwaldregionen verlieren durch ihn immer mehr indigene Gruppen ihren Lebensraum. Die mit dem Konsum einhergehenden Umweltprobleme lassen sich natürlich nicht nur für den Rohstoff Holz betrachten. Auch dort, wo seltene Erden abgebaut werden, sind die Umweltprobleme unübersehbar[5]. Oft wird das Gestein im Tagebau gefördert. In manchen Regionen der Mongolei frisst sich der Rohstoffabbau kilometerweit in die Steppe hinein. Unter dem Abbau leiden Mensch und Tier in der näheren Umgebung, da Seen, Flüsse und Grundwasser verseucht werden.

Arbeitsbedingungen

Doch nicht allein die Natur nimmt Schaden an unserem täglichen Konsum. Hinter dem Anbau etwa für unseren Kakao zum Frühstück oder das Stückchen Schokolade am Nachmittag stehen häufig Arbeitsbedingungen, die Menschenrechte missachten. Im westafrikanischen Kakaoanbau werden zum Beispiel oft Kinder für die schwere Arbeit eingesetzt. Doch auch der Blick in unseren Kleiderschrank offenbart die Schattenseite unserer Kauflust: In den Nähereien Asiens arbeiten Menschen häufig unter unzumutbaren Bedingungen. Arbeiter*innen erhalten schlechte Löhne, arbeiten Tag und Nacht. Nicht selten stürzen Nähereien ein, Brandschutz oder Arbeitssicherheit fehlen. Dass es zu derartigen Zuständen kommen kann, liegt daran, dass wir möglichst billig konsumieren bzw. Unternehmen günstige Ware anbieten wollen. Sie verlegen ihre Produktion deshalb in Länder, in denen die Lohnkosten günstig sind. Umwelt- und Sozialstandards werden hier oft nicht eingehalten.

Konsum im Kopf

Vollständig auf viele Dinge zu verzichten, an die wir uns gewöhnt haben, fällt vielen Menschen schwer. Denn dass Konsum zu unserem Alltag gehört, hat sich fest in unseren Köpfen verankert. Und auch das Bemühen, sozial und ökologisch besser produzierte Waren zu kaufen, bringt Fallstricke mit sich: Kleidungshersteller werben damit, alte Kleidung wieder zu sammeln und zu recyceln; in Elektrogeschäften werden effizientere Geräte angeboten. Doch hier kommt nicht selten der Rebound-Effekt zum Tragen: Weil die T-Shirts und Co. ja wiederverwertet werden, kaufen wir mehr Kleidungsstücke und beim Kühlschrank greifen wir zum effizienteren, aber auch größeren Modell. Positive Effekte auf die Umwelt gehen so durch das "mehr" und "größer" verloren. Am Ende bleibt: Jedes Produkt das wir kaufen, beansprucht Ressourcen und wird in Fabriken gefertigt.

Selbst im Bemühen um einen geringeren Konsum verbrauchen Menschen in Industrienationen jährlich noch immer mehr als für die Umwelt verträglich wäre. Es ist sogar so viel, dass wir schon jetzt zwei oder drei Erden bräuchten, um die dafür benötigten Rohstoffe dauerhaft bereitzustellen. Am "Weniger" führt kein Weg vorbei.