Cloud Fill Futurium David von Becker VB 0341

Foto: David von Becker

Puzzeln für die Nachhaltigkeit

CloudFill

Unser Schrott und Schutt hat es in sich: Was wir gedankenlos entsorgen, hat oft noch großes Potenzial. Gerade Häuser werden fast nie recycelt. Abgerissene Gebäude enden in Deponien oder als Geröllberg am Stadtrand. Hier setzt das Berliner Büro für Designwissenschaften Certain Measures an: Sie wollen Häuser nach dem Abriss in neuer Form wiederaufbauen. Und haben auch schon einen konkreten Plan.

Cloud Fill Futurium David von Becker VB 0341

Foto: David von Becker

Dein Müll ist mein Material

„In der Bauindustrie ist Recycling praktisch tot. Abfälle werden einfach geschreddert und für jeden Neubau neue standardisierte Materialien produziert. Für eine Zukunft ohne Müll betrachten wir solche Baumaterialien deshalb nicht als potenziellen Abfall, sondern als Ressource für neue Gebäude“, erklärt Tobias Nolte von Certain Measures. Was normalerweise als Verschnitt durchs System rutscht, wird bei ihnen Material für neue Gebäude. „Man kann sich das als radikale Umkehr des Designprozesses vorstellen.

Traditionell starten Architekt*innen mit einer Idee und besorgen sich dann das nötige Material. Wie wäre es, wenn wir uns stattdessen erst einen Haufen Material anschauen und dann Vorschläge machen lassen, was sich daraus alles bauen lässt? Falls das Material für ein Wunschprojekt nicht ausreicht, findet unser Algorithmus sogar einen machbaren Kompromiss.“ Als Vergleich erwähnt Nolte einen halbvollen Kühlschrank. „Dann weiß ich zwar, was ich gern essen würde, aber habe halt nur bestimmte Zutaten zur Verfügung. Der Algorithmus ermittelt dann die beste Lösung zwischen meinen Vorlieben und den verfügbaren Ressourcen. Dabei kommt vielleicht nicht das ideale Sandwich heraus, aber garantiert eine vernünftige Annäherung.“

Spannendes Flickwerk

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Was lässt sich aus vorhandenen Teilen bauen? Wie passen sie perfekt zusammen? Für ihren Praxisversuch im Futurium Lab haben Certain Measures gleich ein ganzes Ferienhaus auseinandergenommen und alle Einzelteile gescannt. Das Auge ihres Projekts: eine hochauflösende Webcam, die alle ‚Rohstoffe’ per Software automatisch erkennt und einordnet. In einer interaktiven Installation können Futurium-Besucher*innen diesem digitalen ‚Rohmaterial’ dann neue Form verleihen. Mit einem kleinen Rädchen können sie verschiedene Häuserformen auswählen. Auf Knopfdruck puzzelt die CloudFill-Software dann die verfügbaren Teile zu einer neuen, futuristischen Datsche zusammen. Grenzen? Setzt hier nur die Physik – und die Menge des vorhandenen Materials.

Wer schon immer gern Dinge auseinandergenommen hat, um zu sehen, wie sie funktionieren, kommt hier voll auf seine Kosten. Man muss auch kein*e Architekt*in oder Puzzle-Spezialist*in sein.

Heiter bis wolkig

Nolte erklärt: „Für uns ist ein Haus eigentlich nichts anderes als ein temporärer Zustand der Materie. Deshalb ist unsere ‚CloudFill‘ quasi das Gegenteil einer ‚Landfill‘, also einer Mülldeponie. Besucher können das Altmaterial in unserer digitalen Wolke direkt als Rohstoff für neue Gebäude verwenden. Sie können die Datenbank durchsuchen, einzelne Teile anschauen – und dann entscheiden, welche Form ihre neue Datsche annehmen soll.

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Ein Video zeigt, wie die Datenbank die gewünschte Form aus dem alten Material herstellt. Die Teile müssen dafür nicht einmal bearbeitet werden. Die Software setzt sie dort ein, wo sie passen. Deshalb ist der CloudFill-Ansatz kein Recycling, sondern eher ein Prozess der Verteilung oder Wiederverwendung.“

Das Cradle-To-Cradle-Prinzip

Der Grundgedanke dahinter ist das sogenannte Cradle-to-Cradle-Prinzip. Hier wird schon beim Entwurf die spätere Weiternutzung mitgeplant. Ein spannender Ansatz, der auch in anderen Lebensbereichen die sinnvolle (Um-)Nutzung kostbarer Ressourcen ankurbeln kann. Schließlich profitieren nicht nur Architekt*innen von einer solchen Datenbank der Dinge.

Ein Outfit fürs Wochenende? Ein neues Handy? Ein Zelt, das nach dem Festival einfach stehen bleibt? Verschwendung von Ressourcen betrifft uns alle. Schließlich fielen 2016 in Deutschland mehr als 400 Millionen Tonnen Abfall an, gut die Hälfte davon im Bau- und Abrissgewerbe.

Raum für neue Idee

Noltes Kollege Andrew Witt freut sich schon „auf eine Zeit, in der wir dieses Prinzip auf alles übertragen können. Wenn dann zuhause eine Schüssel oder ein Möbelstück zu Bruch geht, können wir es mit unserer Methode als Basis für etwas ganz Neues nutzen.“ Ausrangierte Haushaltsgeräte, Alltagsgegenstände, alles, was wir nicht länger brauchen: Hier bekommen diese Rohstoffe einen neuen Wert und werden potenziell restlos handelbar. „Unser Prinzip lässt sich wirklich auf alle Bereiche übertragen. Selbst Dinge, die uns aktuell vielleicht überflüssig vorkommen, sind für jemand anders wertvoll.“

Noch besser funktioniert das Ganze natürlich, wenn wir das nächste „Leben“ der Rohstoffe von Anfang an mitdenken. Häuser oder Handys, die aus Modulen bestehen, können später viel leichter auseinandergenommen und wiederverwertet werden. Ein schöner, wichtiger Ansatz, damit wir uns die Zukunft garantiert nicht verbauen.